Dienstag, 26 Mai 2015 19:52

Die deutschen Meister der Stauden

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Die deutschen Meister der Stauden © Regina Recht

Sie gestalten die Blütenmeere auf den großen Gartenschauen, sind Künstler im Umgang mit Farben und Wuchsformen krautiger Pflanzen und werden im Ausland als Vertreter des New European Style gefeiert. Höchste Zeit, sie im eigenen Land prominent zu machen.

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN PETRA PELZ

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Millionen Bundesbürger kennen ihre Beete schon: Seit 15 Jahren gehört Petra Pelz zu dem Triumvirat an Spezialisten, die für die IGAs und BUGAs große Staudenflächen pflanzen.

 

„Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand.“

Tausend Riesenknöteriche, ein Meer aus Mondviolen – oder der Acker voller Tulpen: das volle Farbspektrum, gefranst, lilienblütig, kleiner, dicker und vor allem dicht gepackt, 80 Zwiebeln pro Quadratmeter. So etwas hatte man noch nicht gesehen. Es war die Mai-Sensation auf der Internationalen Gartenschau in Hamburg und typisch für Petra Pelz. Die ganz große Geste hat sie prominent gemacht.

Petra Pelz stammt aus Magdeburg, lernte zu DDR-Zeiten Landschaftsgärtnerei, studierte in Erfurt, improvisierte in einer Schlosser-, Tischler- und Malerbrigade, plante fürs städtische Grünamt und lernte nicht ganz zufällig 1993 den in Chemnitz geborenen Wolfgang Oehme kennen.

Das änderte alles. Der Wahlamerikaner Oehme (1930 bis 2011), ein Kauz und einer der berühmtesten Landschaftsarchitekten des späten 20. Jahrhunderts, ist bekannt für fußballfeldgroße Pflanzungen aus zwei, drei oder fünf verschiedenen Gewächsen und eine entschiedene Konzentration auf Hirsen, Seggen, Simsen, Schilf – „Ein Garten ohne Gräser ist grässlich“, so sein Motto. Er hing an seiner Heimat, besuchte sie über all die Jahre regelmäßig und wünschte nach der Wende Möglichkeiten, auch hier zu arbeiten. Petra Pelz wurde sein Kontakt, seine Schülerin und Sachwalterin.

Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand. Dieses Wissenschaftliche, leicht verkrampfte.“ Oehmes Gärten – „erfrischend, naiv“ –wurden ihre Initiation. Natürlich hat auch sie ihre „Lebensbereiche nach Hansen“ gelernt. Doch genauso wichtig findet sie, „etwas auszuprobieren, was wie ein Fehler erscheint, locker an Pflanzenthemen heranzugehen“. Denn nicht alles, was in den Lehrfibeln steht, ist ehernes Gesetz. Euphorbia palustris etwa, die Sumpf-Wolfsmilch, ist zwar eine Sumpfpflanze, kommt aber in allen möglichen Gartenböden zurecht. Oehme hatte sie wegen ihrer schwefeligen April-Blüten in seine Grasdünen gepflanzt. Petra Pelz hat’s von ihm übernommen, so wie andere Kunstgriffe. Sie liebt Perowskien und Schneefelberich in Massen. Auch Bergminze, Pycnanthemum muticum, die Modepflanze der gegenwärtigen Steppen- und Präriegärtner. Oder den Dreierpack Rudbeckia, Calamagrostis und Sedum. Von solchen Kombinationen aus hat sie sich zu Eigenem vorgetastet. Eines ihrer Pflanzrezepte ist, ein Grundgerüst aus stabilen Pflanzen wie Japanischem Waldgras, Miscanthus oder dem „eigentlich langweiligen Sedum telephium“ anzulegen und dahinein punktuell Blühpflanzen zu setzen: Wildastern, Giraffenkosmeen, sogar Rittersporn. In Hamburg probiert sie derzeit allerlei mit Baptisien aus, den Indigolupinen.

Aus einer Zeit, „in der es ökonomisch schwierig war“, hat Petra Pelz eine Dienstleistung bis heute beibehalten. Zu einem Quadratmeterpreis von zirka 35 Euro plant sie nicht nur Pflanzflächen, sondern liefert auch Stauden und pflanzt, allein oder unter Mithilfe des Gartenbesitzers.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN CHRISTINE OREL

gaertnerin christine orel© Regina Recht

Die Spezialistin: Ihr nächstes großes Projekt ist die Landesgartenschau in Deggendorf 2014.

„Ist die Einrichtung skandinavisch, nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken wie Möbelstücke.“

Gefühle haben Regeln, zumindest wenn Christine Orel Stimmungsbilder im Staudenbeet anlegt. Soll es lustig sein, wählt sie Euphorbien, Achilleen und Hemerocallis. Heiter findet sie knubbelige Wuchsformen mit runden Blüten in Orange oder Gelb wie die Chrysantheme ‘Kleiner Bernstein’. Spröde sind reduzierte Farben in kompakten Anordnungen zum Beispiel mit rotblättrigem Breitwegerich und rostfarbenem Rittersporn.

Woher kommen Rang und Ordnung, Wert und Charakter der Gewächse in ihrem Repertoire? „Sie sind in mir gewachsen“, antwortet die Spezialistin mit fast 25 Jahren Berufserfahrung auf Gartenschauen. Ihr Taschengeld verdiente sie in der Staudengärtnerei Schöllkopf, bekannt für Astern und Chrysanthemen. „Da gab es zwar weniger Geld als in Nachtschichten bei Bosch, aber es war meine Leidenschaft.“ Sie hat in Weihenstephan bei München studiert, weltweit berühmt für seinen Zierpflanzen-Sichtungsgarten. Hier forschten die Gartenbauwissenschaftler Richard Hansen und Friedrich Stahl und entwarfen ein dickes Kompendium über die Lebensbereiche (das sind Beet, Gehölzrand, Steinfuge, Mauerkrone und so weiter) krautiger Gesellschaften, das Studenten bis heute das Leben schwer macht. Christine Orel hat es verinnerlicht. „Die Lebensbereiche muss man intus haben, um einen eigenen Stil entwickeln zu können“, sagt sie. Ihr Lehrer war Peter Kiermeier, eine weitere Referenz, wenn es um Pflanzenverwendung geht. Sie alle zusammen – Hansen, Stahl, Kiermeier und vor ihnen der Staudenzüchter Karl Foerster – haben die Grundlage geschaffen für das, was heute im Ausland New European Style genannt wird.

Natürlich reicht ein pflanzensoziologisch aufbereitetes Botanikverzeichnis im Kopf nicht aus, um schöne Beete zu gestalten. Die große Herausforderung, der Stolz der Gärtner, sind die Farben. Noch heute erinnert sich Christine Orel an die erste purpurrote Pflanzung von Kiermeier, kann die Pflanzen mit Namen nennen: Cotinus ‘Royal Purple’, Echinaceen, Sedum ‘Purple Emperor’, Dunkelrote Blasenspiere und Kardinalslobelien. „Das war 1986 eine Sensation.“ In diese Fußstapfen ist sie getreten: „Orange und Rosa hat kein Mensch vor mir gemacht.“

Nicht alle Kunden wollen es so „schrill“. Sie versucht, deren Geschmack herauszukriegen, fragt, ob sie „mal von drinnen nach draußen schauen kann, um auch einen Blick auf das Wohnzimmer werfen zu können“. Ist die Einrichtung skandinavisch klar, „nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken, fast wie Möbelstücke“. Iris sibirica zum Beispiel, „tolle Blüten, Fruchtstände und Herbstfärbung“. Findet sie englische Möbel, vielleicht Antiquitäten, kombiniert sie romantisch. Wer Christine Orels Handschrift kennenlernen möchte: Die Beete vorm Koblenzer Schloss stammen von ihr, auch die Hindenburganlage in Bingen.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKT CHRISTIAN MEYER

landschaftsarchitekt christian meyer

© Regina Rech

„Übermannshohe Stauden wollen die Leute nicht im Garten haben. Sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“

Wenn Christian Meyer einen Garten zu planen hat, spaziert er gern im benachbarten Wald. Falls es einen gibt. Er hält Ausschau nach Wildstauden wie Salomonssiegel, Wiesenkerbel, Fingerhut, „solche, von denen sich für Entwürfe Kulturformen beschaffen lassen“. Er nennt diese Methode, „Auszüge von dem natürlichen Bild machen und sie gärtnerisch überhöhen“.Christian Meyer gehört zu den Kindern, die in einem Garten aufgewachsen sind. „Ich war fasziniert von den Blüten der Tränenden Herzen oder des Eisenhuts.“ Später studierte er Landschaftsarchitektur, „ich wusste nichts Besseres“, und arbeitete drei lange Jahre in dem Deutschlands großem Staudenzüchter Karl Foerster gewidmeten Garten in Britz: „Da habe ich gemerkt, was ich mit meinem Studium anfangen will.“ Stauden wurden seine Nische. Um Privatmenschen aufmerksam zu machen, bepflanzt er eine dem Berliner Grünflächenamt abgeluchste Verkehrsinsel am Kurfürstendamm, Ecke Olivaer Platz: Euphorbien, Akeleien, Allium im Frühjahr, im Herbst Gräser, Fetthennen und Astern. Er testet ständig. „Mit den reichen Kunden klappte es zwar nicht, aber ich konnte über mein Projekt schreiben.“ 1999 gelang ihm mit der BUGA Potsdam der Einstieg in die lukrativen Gartenschauen.Karl Foerster ist eine seiner Bezugsgrößen geblieben. Christian Meyer überarbeitete das große Herbstbeet an dessen Wohnhaus in Bornim, „wirklich klasse die Astern und die Farbgräser und vor allem die viel zu wenig genutzten Chrysanthemen“. Und er betreut neben dem Britzer Foerster-Garten den in Berlin-Marzahn. Hat ihn das zum Foersterianer gemacht? „Nein.“ Der von seinen Anhängern verehrte Gärtner „hat immer kleinteilig gearbeitet, hier noch mal was und da noch mal was anderes“. Und in den Farben oft „bunt wie in einer Bonboniere“. Da ist die Zeit heute weiter.Trotzdem, ohne die Veredelungsarbeiten von Karl Foerster ist das, was Staudengärtner heute tun, schwer vorzustellen. Denn zugespitzt gesehen, sind Beete mit den ausdauernd blühenden Gewächsen in der uralten Gartenkunstgeschichte eine Mode, übrig geblieben aus der Arts-and-Crafts-Zeit, als Gertrude Jekyll die Erkenntnisse der Farbenlehre auf Blühendes übertrug. Gute 120 Jahre, länger gibt es die Big Borders nicht. Aber Modeerscheinung? „Das glaube ich nicht“, sagt Christian Meyer. „Stauden haben sich fest etabliert.“ Dass es sie früher im Garten nicht gab, hat vielleicht mit der Angst vor der Natur zu tun. Diese Angst sitzt tief. Es gibt sie noch heute, wenn es um Großstauden geht, übermannshohe Gewächse wie Wasserdost, Becherblume, viele Gräser. „Die Leute wollen sie nicht im Garten haben, sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“ Christian Meyer plädiert für ihren Nutzen, liebt zudem das Gefühl, durch einen Staudendschungel zu gehen. „Ich habe einen kleinen Garten, da kann ich mich mit Sträuchern nicht abschotten.“ Die Großen bieten ihm lichten Schutz.


Quelle: 

Architektur & Wohnen, Ausgabe 04/2013

Autor: Elke von Radziewsky

Fotograf: Regina Recht

 

Gelesen 1627 mal Letzte Änderung am Dienstag, 26 Mai 2015 20:46

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