Beobachten, hegen, Geschichte bewahren: Vor dreißig Jahren hat Helga Schütz in Potsdam ein Landhaus mit einem Garten aus den 1920er-Jahren übernommen – klassisch in seiner klaren Trennung zwischen naturnahem bewaldeten Teil und einem Steingarten direkt neben der Terrasse am Haus. Für die Schriftstellerin und Drehbuchautorin ist die denkmalgeschützte Anlage ein „Partner, der sich von Anfang an behauptete“.

Dass man sich nicht mehr bücken braucht, das passiert wohl nur in Stadtgärten“, sagt Helga Schütz. Womit sie nicht sagen will, dass sie unablässig arbeitet, zupft und schneidet, sobald sie draußen ist. Trotzdem: „Bekannte stellen sich immer nur vor, wie ich im Garten auf der Bank sitze, wie ich lese, hier und da gucke.“

1984 war ihr von der Stadt Potsdam das Landhaus des 1965 gestorbenen Physikochemikers Max Volmer angeboten worden. Zu der Zeit war die gelernte Gärtnerin, die, nach einem Jahr im Beruf, Dramaturgie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg studierte, bereits seit 20 Jahren eine erfolgreiche, mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichnete Drehbuchautorin. „Mit einem Wahnsinnsmut griff ich zu.“ Fünf Jahre hatte sie in „Berliner Beton, achter Stock“ gelebt, nun wollte sie wieder ins Grüne. Viele ihrer Bekannten hatten schon Datschen im Umkreis, sie suchte Ähnliches. Doch dann bot sich dieser Landhausgarten an, der sie lockte, obwohl sie „am ersten Tag in ihm nicht gejubelt hat“. Statt Liebe auf den ersten Blick stellte sich Respekt ein: „Von Anbeginn an war der Garten ein Partner, der sich behauptete.“ Ändern, umgraben, dem Ganzen einen eigenen Stempel aufdrücken? „Ich hätte nicht gewusst, wo ich eingreifen soll.“

Geschätzte zwei-, dreimal so hoch wie das Haus mit den karmesinroten Fensterflügeln ragen in ihrem Garten Kiefern, Eichen, Buchen, Birken empor. Er ist ein idealisiertes, hallenartig lichtes Stück Wald. Früher einmal ging er direkt in den Diana-Forst über. Doch dort wurde nach der Wende gebaut, und so ist er heute ein Relikt aus der Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts, als eine der herrschenden Gartentheorien Natürlichkeit forderte und das Pütschern, Blumen pflanzen, Steine aufsetzen in das Areal dicht am Haus beorderte. Hier der Mensch, dort die Natur. Klare Trennung.

Karl Foerster, der berühmte deutsche Staudenzüchter aus Potsdam-Bornim, soll den Garten mit Max Volmer entworfen haben. Beweise gibt es nicht. Nur Hinweise, wie den Steingarten neben der Terrasse am Haus, typisch für jene Jahre; man sieht Vergleichbares im foersterschen Garten in Bornim. „Immer wieder fragen Leute, ob es noch diese Alpenrose gebe, die sie von früher kennen, ob noch der Eisenhut blühe“, erzählt Helga Schütz. Lange habe es gedauert, bis sie sich mit dem Garten vertraut gemacht hatte, bis sie die Bäume kannte, die Rinden und die Farben. Irgendwann entdeckte sie die ersten zwei Stängel Knabenkraut im Moos vor ihrer Terrasse. Seitdem sichert sie jedes Jahr das Areal der Freilandorchideen. „Man kann Bestimmtes einfach geschehen lassen“, so die Schriftstellerin. Gutes Laub liegen lassen, schlechtes wegschaffen, Eibensämlinge aufziehen. Auch Azaleen auslichten: „Doch nicht jetzt, jetzt will ich lesen, morgen vielleicht.“

 

Autor: Elke von Radziewsky
Fotograf: Angela Franke

Freigegeben in Gärten & Parks
Dienstag, 26 Mai 2015 19:52

Die deutschen Meister der Stauden

Sie gestalten die Blütenmeere auf den großen Gartenschauen, sind Künstler im Umgang mit Farben und Wuchsformen krautiger Pflanzen und werden im Ausland als Vertreter des New European Style gefeiert. Höchste Zeit, sie im eigenen Land prominent zu machen.

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN PETRA PELZ

Petra Pelz">

Millionen Bundesbürger kennen ihre Beete schon: Seit 15 Jahren gehört Petra Pelz zu dem Triumvirat an Spezialisten, die für die IGAs und BUGAs große Staudenflächen pflanzen.

 

„Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand.“

Tausend Riesenknöteriche, ein Meer aus Mondviolen – oder der Acker voller Tulpen: das volle Farbspektrum, gefranst, lilienblütig, kleiner, dicker und vor allem dicht gepackt, 80 Zwiebeln pro Quadratmeter. So etwas hatte man noch nicht gesehen. Es war die Mai-Sensation auf der Internationalen Gartenschau in Hamburg und typisch für Petra Pelz. Die ganz große Geste hat sie prominent gemacht.

Petra Pelz stammt aus Magdeburg, lernte zu DDR-Zeiten Landschaftsgärtnerei, studierte in Erfurt, improvisierte in einer Schlosser-, Tischler- und Malerbrigade, plante fürs städtische Grünamt und lernte nicht ganz zufällig 1993 den in Chemnitz geborenen Wolfgang Oehme kennen.

Das änderte alles. Der Wahlamerikaner Oehme (1930 bis 2011), ein Kauz und einer der berühmtesten Landschaftsarchitekten des späten 20. Jahrhunderts, ist bekannt für fußballfeldgroße Pflanzungen aus zwei, drei oder fünf verschiedenen Gewächsen und eine entschiedene Konzentration auf Hirsen, Seggen, Simsen, Schilf – „Ein Garten ohne Gräser ist grässlich“, so sein Motto. Er hing an seiner Heimat, besuchte sie über all die Jahre regelmäßig und wünschte nach der Wende Möglichkeiten, auch hier zu arbeiten. Petra Pelz wurde sein Kontakt, seine Schülerin und Sachwalterin.

Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand. Dieses Wissenschaftliche, leicht verkrampfte.“ Oehmes Gärten – „erfrischend, naiv“ –wurden ihre Initiation. Natürlich hat auch sie ihre „Lebensbereiche nach Hansen“ gelernt. Doch genauso wichtig findet sie, „etwas auszuprobieren, was wie ein Fehler erscheint, locker an Pflanzenthemen heranzugehen“. Denn nicht alles, was in den Lehrfibeln steht, ist ehernes Gesetz. Euphorbia palustris etwa, die Sumpf-Wolfsmilch, ist zwar eine Sumpfpflanze, kommt aber in allen möglichen Gartenböden zurecht. Oehme hatte sie wegen ihrer schwefeligen April-Blüten in seine Grasdünen gepflanzt. Petra Pelz hat’s von ihm übernommen, so wie andere Kunstgriffe. Sie liebt Perowskien und Schneefelberich in Massen. Auch Bergminze, Pycnanthemum muticum, die Modepflanze der gegenwärtigen Steppen- und Präriegärtner. Oder den Dreierpack Rudbeckia, Calamagrostis und Sedum. Von solchen Kombinationen aus hat sie sich zu Eigenem vorgetastet. Eines ihrer Pflanzrezepte ist, ein Grundgerüst aus stabilen Pflanzen wie Japanischem Waldgras, Miscanthus oder dem „eigentlich langweiligen Sedum telephium“ anzulegen und dahinein punktuell Blühpflanzen zu setzen: Wildastern, Giraffenkosmeen, sogar Rittersporn. In Hamburg probiert sie derzeit allerlei mit Baptisien aus, den Indigolupinen.

Aus einer Zeit, „in der es ökonomisch schwierig war“, hat Petra Pelz eine Dienstleistung bis heute beibehalten. Zu einem Quadratmeterpreis von zirka 35 Euro plant sie nicht nur Pflanzflächen, sondern liefert auch Stauden und pflanzt, allein oder unter Mithilfe des Gartenbesitzers.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN CHRISTINE OREL

gaertnerin christine orel© Regina Recht

Die Spezialistin: Ihr nächstes großes Projekt ist die Landesgartenschau in Deggendorf 2014.

„Ist die Einrichtung skandinavisch, nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken wie Möbelstücke.“

Gefühle haben Regeln, zumindest wenn Christine Orel Stimmungsbilder im Staudenbeet anlegt. Soll es lustig sein, wählt sie Euphorbien, Achilleen und Hemerocallis. Heiter findet sie knubbelige Wuchsformen mit runden Blüten in Orange oder Gelb wie die Chrysantheme ‘Kleiner Bernstein’. Spröde sind reduzierte Farben in kompakten Anordnungen zum Beispiel mit rotblättrigem Breitwegerich und rostfarbenem Rittersporn.

Woher kommen Rang und Ordnung, Wert und Charakter der Gewächse in ihrem Repertoire? „Sie sind in mir gewachsen“, antwortet die Spezialistin mit fast 25 Jahren Berufserfahrung auf Gartenschauen. Ihr Taschengeld verdiente sie in der Staudengärtnerei Schöllkopf, bekannt für Astern und Chrysanthemen. „Da gab es zwar weniger Geld als in Nachtschichten bei Bosch, aber es war meine Leidenschaft.“ Sie hat in Weihenstephan bei München studiert, weltweit berühmt für seinen Zierpflanzen-Sichtungsgarten. Hier forschten die Gartenbauwissenschaftler Richard Hansen und Friedrich Stahl und entwarfen ein dickes Kompendium über die Lebensbereiche (das sind Beet, Gehölzrand, Steinfuge, Mauerkrone und so weiter) krautiger Gesellschaften, das Studenten bis heute das Leben schwer macht. Christine Orel hat es verinnerlicht. „Die Lebensbereiche muss man intus haben, um einen eigenen Stil entwickeln zu können“, sagt sie. Ihr Lehrer war Peter Kiermeier, eine weitere Referenz, wenn es um Pflanzenverwendung geht. Sie alle zusammen – Hansen, Stahl, Kiermeier und vor ihnen der Staudenzüchter Karl Foerster – haben die Grundlage geschaffen für das, was heute im Ausland New European Style genannt wird.

Natürlich reicht ein pflanzensoziologisch aufbereitetes Botanikverzeichnis im Kopf nicht aus, um schöne Beete zu gestalten. Die große Herausforderung, der Stolz der Gärtner, sind die Farben. Noch heute erinnert sich Christine Orel an die erste purpurrote Pflanzung von Kiermeier, kann die Pflanzen mit Namen nennen: Cotinus ‘Royal Purple’, Echinaceen, Sedum ‘Purple Emperor’, Dunkelrote Blasenspiere und Kardinalslobelien. „Das war 1986 eine Sensation.“ In diese Fußstapfen ist sie getreten: „Orange und Rosa hat kein Mensch vor mir gemacht.“

Nicht alle Kunden wollen es so „schrill“. Sie versucht, deren Geschmack herauszukriegen, fragt, ob sie „mal von drinnen nach draußen schauen kann, um auch einen Blick auf das Wohnzimmer werfen zu können“. Ist die Einrichtung skandinavisch klar, „nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken, fast wie Möbelstücke“. Iris sibirica zum Beispiel, „tolle Blüten, Fruchtstände und Herbstfärbung“. Findet sie englische Möbel, vielleicht Antiquitäten, kombiniert sie romantisch. Wer Christine Orels Handschrift kennenlernen möchte: Die Beete vorm Koblenzer Schloss stammen von ihr, auch die Hindenburganlage in Bingen.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKT CHRISTIAN MEYER

landschaftsarchitekt christian meyer

© Regina Rech

„Übermannshohe Stauden wollen die Leute nicht im Garten haben. Sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“

Wenn Christian Meyer einen Garten zu planen hat, spaziert er gern im benachbarten Wald. Falls es einen gibt. Er hält Ausschau nach Wildstauden wie Salomonssiegel, Wiesenkerbel, Fingerhut, „solche, von denen sich für Entwürfe Kulturformen beschaffen lassen“. Er nennt diese Methode, „Auszüge von dem natürlichen Bild machen und sie gärtnerisch überhöhen“.Christian Meyer gehört zu den Kindern, die in einem Garten aufgewachsen sind. „Ich war fasziniert von den Blüten der Tränenden Herzen oder des Eisenhuts.“ Später studierte er Landschaftsarchitektur, „ich wusste nichts Besseres“, und arbeitete drei lange Jahre in dem Deutschlands großem Staudenzüchter Karl Foerster gewidmeten Garten in Britz: „Da habe ich gemerkt, was ich mit meinem Studium anfangen will.“ Stauden wurden seine Nische. Um Privatmenschen aufmerksam zu machen, bepflanzt er eine dem Berliner Grünflächenamt abgeluchste Verkehrsinsel am Kurfürstendamm, Ecke Olivaer Platz: Euphorbien, Akeleien, Allium im Frühjahr, im Herbst Gräser, Fetthennen und Astern. Er testet ständig. „Mit den reichen Kunden klappte es zwar nicht, aber ich konnte über mein Projekt schreiben.“ 1999 gelang ihm mit der BUGA Potsdam der Einstieg in die lukrativen Gartenschauen.Karl Foerster ist eine seiner Bezugsgrößen geblieben. Christian Meyer überarbeitete das große Herbstbeet an dessen Wohnhaus in Bornim, „wirklich klasse die Astern und die Farbgräser und vor allem die viel zu wenig genutzten Chrysanthemen“. Und er betreut neben dem Britzer Foerster-Garten den in Berlin-Marzahn. Hat ihn das zum Foersterianer gemacht? „Nein.“ Der von seinen Anhängern verehrte Gärtner „hat immer kleinteilig gearbeitet, hier noch mal was und da noch mal was anderes“. Und in den Farben oft „bunt wie in einer Bonboniere“. Da ist die Zeit heute weiter.Trotzdem, ohne die Veredelungsarbeiten von Karl Foerster ist das, was Staudengärtner heute tun, schwer vorzustellen. Denn zugespitzt gesehen, sind Beete mit den ausdauernd blühenden Gewächsen in der uralten Gartenkunstgeschichte eine Mode, übrig geblieben aus der Arts-and-Crafts-Zeit, als Gertrude Jekyll die Erkenntnisse der Farbenlehre auf Blühendes übertrug. Gute 120 Jahre, länger gibt es die Big Borders nicht. Aber Modeerscheinung? „Das glaube ich nicht“, sagt Christian Meyer. „Stauden haben sich fest etabliert.“ Dass es sie früher im Garten nicht gab, hat vielleicht mit der Angst vor der Natur zu tun. Diese Angst sitzt tief. Es gibt sie noch heute, wenn es um Großstauden geht, übermannshohe Gewächse wie Wasserdost, Becherblume, viele Gräser. „Die Leute wollen sie nicht im Garten haben, sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“ Christian Meyer plädiert für ihren Nutzen, liebt zudem das Gefühl, durch einen Staudendschungel zu gehen. „Ich habe einen kleinen Garten, da kann ich mich mit Sträuchern nicht abschotten.“ Die Großen bieten ihm lichten Schutz.


Quelle: 

Architektur & Wohnen, Ausgabe 04/2013

Autor: Elke von Radziewsky

Fotograf: Regina Recht

 

Freigegeben in Aktuelles

Sie schützen seltene Orchideen und lieferten das Vorbild für mittelalterliche Kirchenbauten. Kein Baum ist so mächtig wie die Rotbuche, die nach der letzten Eiszeit den halben Kontinent eroberte. Keiner wirkt mythischer als sie. Fünf alte deutsche Buchenwälder gehören seit Kurzem zum Unesco-Weltnaturerbe.

Hoch aufgerichtet, im langen Mantel, mauvefarben vom Hut bis zu den Stiefeln, reitet die Dame durch den Wald. Ihr Pferd ist ein Isabell, hellbraun mit weißen Hufen. Die Bäume sind mit kundigem Blick gemalt, hochgewachsene Säulen von bekannter Art. Der Boden ist eben und mit weichem bräunlichem Laub bedeckt. Das Ross geht gelehrig in versammeltem Trapp, bis auf einmal für den Betrachter nichts mehr stimmt. Denn als ob die Welt von oben nach unten in Streifen aufgeschlitzt sei, gleiten Ross und Reiterin erst sichtbar, dann unsichtbar durch Schichten der Wirklichkeit. Ein magischer Wald, ein Bild voller Rätsel. René Magritte gab seinem Gemälde den Titel „Carte Blanche“ und auf diese Weise jedem Betrachter die Erlaubnis, zu sehen, was er möchte.

Anders als der Maler, der seine surreale Vision vom Wald auf die Leinwand brachte, erkundete der heute fast vergessene Botaniker Reinhold Tüxen (1899–1980) durch genaue Beobachtung den Lebensraum großer Buchenformationen und ihre besonderen Gesetze. Sie waren seine wissenschaftliche Herausforderung. Er gehörte damit in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu den Gründern des heute bedeutenden Forschungsfelds der Pflanzensoziologie. Tüxen notierte Jahr für Jahr, wie sich das Falllaub durch den Wind auf dem Waldboden verteilt, wie es sich in den Wurzeln sammelt, wie es auf bestimmten Flächen verweht wird und welche Folgen das nach sich zieht. Erst wirken Wind und Laub, dann Wind und Schnee. Erscheinungen wiederholen sich, doch gleich sind sie nie. Warum, fragte Tüxen, zeigen sich in der Schneedecke am Fuß der Stämme diese tiefen schneefreien Ringe? Ist das eine Folge der höheren Bodentemperatur über den Wurzeln oder die Folge einer bestimmten Sonneneinstrahlung am Stamm? Er beobachtete, maß Windgeschwindigkeit und Temperatur und notierte mit seiner eigentümlichen Sprache, „wärmender Wind, um den Baum küsselnd, hat ein tiefes, immer breiter werdendes Loch, manchmal sogar mit Hohlkehlen, ausgekolkt. Die Ähnlichkeit der Schnee- mit der Laubverteilung sind unübersehbar“.

Allein durch Beobachten haben Naturwissenschaftler viele Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erkannt und gedeutet, doch das Verhältnis der Temperatur zwischen Waldboden und sommergrünem Laubdach hat gleichfalls keine Formel gefunden wie das Spiel von Licht und Schatten oder der herbstliche Farbzauber der Buchenwälder. „Ihre Schönheit lässt sich physikalisch-chemisch ebenso wenig klären, wie die peinlichst genaue chemische Analyse der Farben die Wirkung eines Rembrandt-Gemäldes deuten könnte“, so Tüxen.

Nach der letzten Kaltzeit war die Buche auf günstigen Wegen vom Süden her in die mitteleuropäischen Regionen gewandert. Man kann sich das Tempo ausrechnen. Eine Buche braucht, abhängig vom Klima und vom Boden, etwa 50 Jahre, ehe sie blüht. Sie trägt nur alle sechs bis sieben Jahre eine Mast, wie Fachleute den Samenertrag der Waldbäume nennen. Grob gerechnet brauchte sie folglich 15 Generationen bis nach Berlin. Nach Kassel gelangte sie auf einem anderen Weg, tausend Jahre später. Um Christi Geburt wuchsen erste Buchenwälder an der Küste von England. Tiere haben die Verbreitung der Samen, der dreikantigen ölhaltigen Bucheckern, befördert. Geobotaniker meinen, dass es der Mensch war, der, in vor-christlichen Zeiten noch unstet siedelnd, dem Buchenwald ein bequemes Bett bereitet hat. Auf den bearbeiteten, später der Natur wieder überlassenen Böden keimten in schattigen Birken- und Kiefernpionierwäldern die Bucheckern; Sämlinge wuchsen heran, Buchen besiedelten die Ebenen bis hinauf in die Gebirge, von den Mittelmeerinseln bis nach Südschweden.

Die Rede ist von der Rotbuche, die seit der Benennung durch Carl von Linné im Species Plantarum den Wald silva sogar im Namen trägt. Fagus sylvatica, nicht zu verwechseln mit der Hain- oder Weißbuche, wissenschaftlich Carpinus betulus, ein Baum, der zu den Birkengewächsen gehört. Weitere Fagus-Arten wachsen in Amerika, mehr noch in Asien. Aus unserer in Jahrtausenden heimisch gewordenen Rotbuche, ihr Holz hat einen rötlichen Ton, sind durch Züchtung einige prächtige Parkvarianten hervorgegangen. Purpuria, die Blutbuche, pendula, die Trauerbuche, Fagus sylvatica var. purpurea pendula – die Hängende Blutbuche.

Fagus sylvatica sucht sich ihren Platz unter ihresgleichen. Generationen wachsen gemeinsam heran, sie lassen nur jüngere Buchen folgen, sodass sich auf natürliche Weise reine Buchenwälder gebildet haben. Sie dominierten in Europa, waren geheimnisvoller Raum in einer Zeit, als die Natur jenseits der Stadtmauern ein feindliches Umland war. Im Wald leben die Märchengestalten der Brüder Grimm. Der Buchenhain ist ein Ort frommer Sagen, aber auch Stätte, wo es nachts Teufel regnet. Und wo bei Tage gejagt und gesägt wird; die Balken und Stürze der mittelalterlichen Kathedralen, die Dielen und Treppen in den Häusern der Städte sind in Buchenwäldern gewachsen. Eisenbahnzüge fahren auf Buchenschwellen durch Europa. Viele Ortsnamen weisen auf Beziehungen zu den Buchen. Bukowina hieß ein Land, so heißen Flüsse, Berge, Dörfer in den Karpaten, wo sich heute noch die größten europäischen Buchenwälder befinden. Baal-Schems Revier. Die ältesten dieser Urwälder, in der Ukraine und der Slowakei gelegen, wurden von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. 2011 fügte diese Organisation der Vereinten Nationen den Karpatenwäldern fünf deutsche Buchenwaldbestände hinzu: Teile der Nationalparks Kellerwald-Edersee in Hessen, Hainich in Thüringen, Jasmund in Mecklenburg-Vorpommern sowie die ursprünglichsten Buchenwälder im Müritz-Nationalpark. Dazu gehört auch noch der Buchenwald bei Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin des Landes Brandenburg.

Buchenwälder sind Räume, die sich zu jeder Jahreszeit einladend öffnen. Im Frühling hellgrün im Sonnenlicht flirrend, im Sommer Schatten spendend, goldfarben im Herbst, im Winter schließlich in filigranem Schwarz-Grau-Weiß. Je nach der Beschaffenheit des Bodens bildet sich unter Buchen eine spezifische Flora. Auf Kalk- und Lösböden wächst im Frühling eine Krautdecke aus Lerchensporn, Bärlauch, Perlgras, nicht selten auch Orchideen. Auf kalkarmen Silikatböden siedeln Flattergras, Hainsimsen, Farne, Riesenschwingel, bergwärts und auf feuchten Gründen wächst Bärlapp.

Auch auf Silikatgrund erheben sich die Hallenwälder bei Serrahn. „Dies Gewölbe mir ersetzen kann nicht Mailands hoher Dom ... selbst St. Peter nicht zu Rom“, reimte Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz 1850 über seine silbrigen alten Buchen. Er hatte das Gelände einhegen lassen und jede Veränderung und Nutzung durch die Holzindustrie ausgeschlossen. Der Wald sollte alleiniges Revier der Buche bleiben. Jede einzelne Buche steht heute als altes und einmaliges Individuum, vielleicht als ein V- oder U-Zwiesel, mit doppeltem Stamm, geprägt durch eine tiefe Rinne, wo das Regenwasser aus dem Kronendach zu der Wurzel herabfließt.

Die Rinde ist in den Jahrhunderten eine Heimstatt für unzählige niedere Pflanzen und Tiere geworden. Rotrandiger Baumschwamm und Echter Zunderschwamm haben sich angesiedelt. Sie werden auf dem Stamm weiterleben, wenn die Buche einmal fällt und endlich den Platz frei macht für die jungen Buchen ringsherum. Die Wege im Weltnaturerbe sind verwachsen. Der Buchenwald hinter dem alten Forsthaus Serrahn lebt in absoluter Abgeschiedenheit. Um seine Schutzzone zieht sich ein Gürtel aus später gepflanzten Kiefern, Ahorn und Eichenarten. Auch dieses Gebiet steht seit 50 Jahren unter Schutz. Auf dem Pfad von Zinow nach Serrahn kann man beobachten, wie die Rotbuche in dem Mischwald beständig an Raum gewinnt. Sie ist bestens ausgestattet, kann Jahrzehnte umgeben von Kiefern im Schatten stehen. Wenn sie dann durch Ausfall einer Kiefer Platz bekommt, wächst sie schnell heran. Verbleibende Kiefern halten sich noch zwischen den dicken Ästen der Buchenkronen. Es sieht aus wie eine Umarmung, aber das täuscht. Die Buchen sind mit dem Wind verbündet. Ihre Äste scheuern, sie verletzen den Kiefernstamm, begrenzen seine Existenz, während sie gedeihen. Man hat herausgefunden, dass ihre Wurzeln einen Stoff abgeben, der heranwachsende Buchen unterstützt, anderem Jungwuchs jedoch schadet.

Das Bedürfnis, die Buchenwälder zu schützen, erscheint wie ein Nachtrag zu der Zeit, in der Menschen bei ihrer Verbreitung halfen. Dafür spenden die Wälder Bauholz, Nahrung und zuletzt auch Erholung. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mag so in den letzten 5000 Jahren entstanden sein.

 

Quelle: 
Architektur & Wohnen, Ausgabe 05/2014
Autor: 
Helga Schütz
Freigegeben in Gärten & Parks
Dienstag, 19 Mai 2015 22:15

Parkanlage in Hamburg: PLANTEN UN BLOMEN

Bürgerliche Moderne, 120-Grad-Stil, Kinetik: Ein Mosaik aus Gartenformen des 19. und 20. Jahrhunderts und eine Sammlung rarer Gehölze machen den Park in Hamburgs Zentrum zu einem der ungewöhnlichsten und spannendsten in ganz Europa.

Komm in den Park. Ja. Bin schon da. Beinahe übergangslos, das steile Doppel-Hochhaus des Radisson-Hotels noch im Rücken, stehe ich vor der erstaunlichen Platane, die Johann Georg Christian Lehmann, Professor der Naturlehre, 1821 gepflanzt hat: der Beginn des Botanischen Gartens am Dammtor in Hamburg. Mein lieber Mann. Gibt es einen Menschen, der so alt ist wie dieser Baum? Eher nicht. Gibt es eine andere Stadt, die aus einem martialischen militärischen Objekt des Dreißigjährigen Krieges, aus einer Verteidigungsanlage mit 22 Bastionen und elf Vorwerken einen Garten Eden in ihrer Mitte geformt hat? Es gibt sie, aber selten so raumgreifend.

Hamburg hat es vollbracht. Über die Jahrhunderte hinweg, mit guten und minder guten Ideen, mit Auf- und Rückbauten, auf Wegen und Irrwegen, in leidenschaftlichem Bemühen und mit tätigen Zweifeln, mit großem Geld und guten Worten und nicht zuletzt den Konzepten etlicher Gartenschauen. Heute rüttelt niemand mehr an dem Park, der Planten un Blomen heißt. Das nenne ich Sprachwitz. Einen Garten, der sich Pflanzen und Blumen nennt, kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre bieder. Aber das niederdeutsche Planten un Blomen, keine Frage, das geht, da schwingt neben Heimatlichkeit etwas Irrationales mit.

Schade nur, dass der Park den Namen zur Niederdeutschen Gartenschau 1935 erhielt. Damit war die Bezeichnung nach 1945 kontaminiert und das Gelände gleich mit. Und natürlich der Mann, der die Schau 1935 gestaltet hatte: Gartenarchitekt Karl Plomin. Wie umgehen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auf dem Gebiet der Botanik? Ausdiskutieren? Wer mit wem? Wenn keiner so richtig will? Was ist an Planten un Blomen faschistisch? Und was war mit Karl Plomin? Er gestaltete auch die Internationalen Gartenschauen 1953 und 1963, und an der von 1973 war er beteiligt. So einfach ist die Vergangenheit.

 

Schlagworte: 
Parks
Quelle: 
Architektur & Wohnen, Ausgabe 03/2013
Autor: 
Fritz-Jochen Kopka
Fotograf:
Giovanni Castell
Freigegeben in Gärten & Parks

Der Callwey Verlag und Garten + Landschaft loben zum ersten Mal gemeinsam mit ihren Partnern – Mein schöner Garten, dem BGL, dem bdla, der Kann GmbH und Schloss Dyck –, den Wettbewerb GÄRTEN DES JAHRES aus. Gesucht werden die besten von Landschaftsarchitekten / Garten- und Landschaftsbauern gestalteten Privatgärten im deutschsprachigen Raum.

Die eingereichten Arbeiten werden am 30. Juli 2015 von einer unabhängigen Jury beurteilt, in der u.a. eine Vertreterin/ein Verteter des bdla mitwirkt.

Der 1. Preis ist mit einem Preisgeld von 5.000 Euro dotiert, weitere Büros bekommen eine Auszeichnung. Die Zeitschriften Garten + Landschaft und Mein schöner Garten stellen die Siegerprojekte ausführlich vor. Die 50 besten Gärten werden außerdem in einem umfangreichen Bildband im Callwey Verlag veröffentlicht.

Die Preisverleihung findet am 16. Februar 2016 auf Schloss Dyck statt.

Einsendeschluss ist der 15. Juli 2015; hier geht es zur Wettbewerbsauslobung.

Freigegeben in Wettbewerbe

Exotische Blüten, Urwaldgiganten, Dattelpalmen: Umspült vom Golfstrom liegt vor Englands Küste das tropische Paradies Tresco Abbey Garden, über Generationen entstanden aus der Beute einer pflanzenversessenen Familie. Den Anfang machte Augustus John Smith, ein Weltverbesserer, der auf Scilly Islands ein privates Reich gründete mit eigenen Regeln und einem Landschaftspark in den Ruinen einer alten Benediktiner-Abtei.

Weiter geht es nicht. Die Inselgruppe der Scilly Isles im Westen Britanniens ist der äußerste Zipfel Englands vor Amerika. Nur fünf der 140 kleinen, vom Golfstrom umspülten Atlantik-Inseln sind bewohnt. Sie sind Teil des Herzogtums Cornwall – mit Ausnahme von Tresco, der zweitgrößten Insel, die sich seit 1830 im Privatbesitz befindet. Tresco, drei Kilometer lang, anderthalb Kilometer breit und 45 Kilometer vom Festland entfernt, ist von allen Scilly-Inseln am besten bekannt durch seinen exotischen Garten, in dem tropische und subtropische Pflanzen aus allen fünf Kontinenten wachsen. Neun Stunden dauert die Anreise von London: Eisenbahn, zweimotoriges Flugzeug, Fischerboot, ein tuckernder Traktor – dann ist man da, in einer Bilderbuch-Idylle mit Sandstränden, Badebuchten und einer üppigen Vegetation, in der blaue und weiße Agapanthus wie Unkraut wachsen.

Es gibt keine Autos. Von den 130 Einwohnern hat es niemand eilig. Haustüren bleiben unverschlossen. „Schlüssel kennen wir hier nicht“, sagt Mike Nelhams, der 1976 als Student der Royal Horticultural Society im Tresco Abbey Garden arbeitete. Sieben Jahre später kehrte er zurück, wurde mit der Zeit Chefgärtner der Anlage und ist heute ihr Kurator. Neu gebaute Feriensiedlungen fallen auf. Vor den Türen stehen Golfcarts. „Auch bei uns“, sagt Mike Nelhams, „ist die Zeit nicht stehen geblieben. Tourismus ist unsere Haupteinnahmequelle. Im Sommer haben wir mehr Gäste als Einheimische.“

Eine blaue Holzbrücke führt in den Garten, direkt zum Long Walk, einer zentralen Achse, die leicht aufwärts und am Ende einer Treppenflucht auf eine Steinfigur zuläuft, die den römischen Gott Neptun darstellt. Sieben Hektar ansteigendes Land sind in unterschiedliche Gartenzonen aufgeteilt. „Am weitesten unten haben wir noch tiefgründigen Boden, auf dem Bäume wachsen können“, sagt Mike Nelhams. „Hier gedeihen unsere Schattenpflanzen aus Neuseeland. Je höher man klettert, desto heißer wird es und dürrer.“ Oben angelangt, ist die Erde nährstoffarm und vom Wind ausgetrocknet. „Perfekt für Pflanzen aus Südafrika und den australischen Wüstenregionen, die an solche Konditionen gewöhnt sind.“

Der Aufstieg in die Welt fremdländischer Blüten und exotischer Bäume beginnt mit Palmen, Pinien und kräftigen Baumfarnen. Bambushaine fächern das Sonnenlicht. Goldfasane spazieren durch Laubengänge – vorbei an australischen Eukalyptus- und Pfefferbäumen, Agaven aus Mexiko, orangefarbenen Natternköpfen von den Kanarischen Inseln und immergrünen Bromeliengewächsen aus Zentralchile. In dem geschützten mittleren Teil des Gartens stehen Ruinen der Benediktiner-Abtei St. Nicholas, die hier im 12. Jahrhundert existierte. Und ganz oben, auf der obersten Terrasse, wachsen die schillerndsten Exoten, orangefarbene Strelitzien, Zuckerbüsche (Protea) mit grünlichen Spitzen und vier Meter hohe Kanarische Riesengänsedisteln mit gelben Blüten.

Der Ausblick auf die Küste und die anderen Inseln ist grandios. Eine Brise kommt auf, und man ahnt, warum die gesamte Gartenanlage mit hohen Hecken aus Steineichen eingefasst ist. „Unser größtes Problem sind die salzigen Atlantikstürme“, sagt Mike Nelhams. „Ohne Windschutz gibt es hier keinen Garten.“ Auf der Insel bestimmt Wind einen großen Teil des Lebens, betont er: „Ganz aussperren wollen wir ihn nicht. Das würde den Pflanzen die Luft abschnüren. Aber wir müssen ihn filtern, sein Tempo bremsen.“ Wenn die neun Gärtner des Tresco Abbey Garden zusammensitzen, drehen sich die Gespräche wenig um die üblichen Themen wie Dünger und den pH-Wert des Bodens. Stattdessen wird über Windstärke neun im Januar diskutiert. Und über die Seebrisen im August, die das Land austrocknen oder den feuchtigkeitsspendenden Seenebel, der sich das ganze Jahr über einfindet. Regen fällt auf der Insel wenig. „Im Winter allerdings kann es durchaus mal eine Woche lang schütten. Dann saugt die Erde das Wasser wie ein Schwamm auf, und whoosh – alles wächst wie verrückt.“ Auch Wetterdramen hat der Garten schon erlebt. „Womit haben wir das verdient?“, fragten sich die Gärtner, als 1987 ein Schneesturm großen Schaden anrichtete. Drei Jahre später, als der Park nach mühseliger Arbeit wieder aufgeforstet war, verwüstete ein Hurrikan ihn zum wiederholten Mal. „Doch in der Regel“, sagt Mike Nelhams, „garantiert der Golfstrom ein mildes Klima mit Temperaturen, die nie über 22 oder unter acht Grad Celsius liegen.“

Narzissen blühen auf Tresco Island schon im November. An jedem Neujahrstag zählen die Gärtner ihre Blumen und kommen Jahr für Jahr auf rund 300 verschiedene Arten. Da ist es kaum noch vorstellbar, dass um 1830 auf der Insel kein einziger Baum gestanden haben soll. Doch die Geschichte des exotisch-bunten Gartens begann erst mit Augustus John Smith, dem ältesten Sohn eines Landedelmanns aus Hertfordshire.
Smith, der sich als Philanthrop und Stifter von Schulen bekannt gemacht hatte, suchte nach weiteren Lebensaufgaben und fand sie auf den Scilly Isles. Er pachtete die ganze Inselgruppe, gab sich selbst den Phantasietitel eines Land Proprietors und startete Wirtschafts-, Arbeits- und Erziehungsprogramme. Beliebt machte ihn das bei der einheimischen Bevölkerung nicht. Denn damals waren viele Fischer und Bauern im Nebenberuf Piraten, Schmuggler und Strandräuber. Augustus John Smith wollte sie bessern, zwang sie zu ehrenwerter Arbeit und dazu, ihre Kinder in die Schule zu schicken – 40 Jahre bevor auf dem Festland die Schulpflicht eingeführt wurde.

Als Herrscher über sein Inselreich baute er sich auf dem von den anderen Inseln vor Stürmen weitgehend geschützten Tresco Island in der Nähe der Klosterruinen ein Haus, nannte es Tresco Abbey und legte einen Garten an. Er tauschte sich mit dem Chefgärtner von Kew Gardens aus, erbat sich von ihm Pflanzen und führte zudem ein ungeschriebenes Gesetz ein: Inselbewohner, die als Kapitäne zur See fuhren, mussten als Teil ihrer Hauspacht Pflanzenableger, Samen und Knollen von Übersee mitbringen – der Grundstock von dem, was heute hier blüht und gedeiht.

Augustus Smith hatte zwar keine legitimen Kinder. Aber ein Neffe übernahm das Inselreich und setzte das Gartenbau- und Pflanzensammelwerk fort, ebenso die nächsten Generationen. Eine Dynastie von Hobbybotanikern schaffte in gut 150 Jahren die 20.000 Pflanzenarten aus aller Welt zusammen, die heute Tresco Abbey berühmt machen. Darunter 70 verschiedene sukkulente Aloen-Arten. „Dass allerdings Aloe vera eine besondere Heilkraft hat, ist eine Marketing-Strategie“, verrät Gärtner Dave Finch, der für Anzucht und Vermehren von Pflanzen des Gartens zuständig ist. „Alle Arten von Aloe haben diese Eigenschaft.“

Noch immer wird die Insel feudal regiert, heute von Robert Dorrien-Smith, der im alten Herrenhaus direkt neben dem Garten wohnt. „Dass hier ein Dorrien-Smith bereits in der fünften Generation lebt, bedeutet für uns Kontinuität und Engagement“, sagt Mike Nelhams. „Natürlich versucht dabei jede Generation, dem Garten ihren eigenen Stempel aufzudrücken.“ So schätzt die derzeitige Familie die Verbindung von Kunst und Natur. Robert Dorrien-Smith plante den blauen Steg am Eingang des Gartens, seine Frau Lucy entwarf das Shell House, einen mit Muscheln dekorierten Pavillon auf der mediterranen Terrasse. Und überall in Tresco Abbey Garden stehen Kunstwerke von David Wynne und anderen zeitgenössischen britischen Bildhauern.

Am Ende des Tages treibt der Wind die Wolken von der See aufs Festland. Der Traktor wartet, und wenig später legt das Boot ab. Fünf Minuten darauf ist man zurück in der big bad city Hugh Town, dem Hauptort von St. Mary’s. Mit rund tausend Einwohnern, Autos und Polizisten wirkt er fast urban. Der kurze Flug mit dem Skybus nach Land’s End und die lange Zugfahrt zurück nach London stimmen melancholisch. Als sei das Verhältnis zur Welt ein anderes geworden. Tresco hat einen Zauber, der die Rückkehr in die Realität erschwert.

 

 

Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/2013
Autor: Josephine Grever
Fotograf:
Howard Sooley

Freigegeben in Gärten & Parks

Ob niederländisches Flandern oder französisches Wallonien: So gespalten Belgien sein mag, in den Gärten ist es eins – deutsche Naturbewegung hat hier kaum an Boden gewonnen. Im Kernland der Europäischen Gemeinschaft geht es um die gute Fasson, klare Achsen, gelenkte Blicke und – die Rundreise zeigt’s – immer neue Hecken.

JACQUES WIRTZ

Der große Garten ist alt und gebeugt wie der Mann, der darin lebt. Greise Obstbäume schleppen schwer an schrundigen Ästen, behüten in die Jahre gekommene Buchsgebilde. Nahe am Haus reflektiert ein rechteckiges Wasserbecken den Himmel. Ein schnurgerader Rahmen mit Iris umgibt es, die Blätter sind sauber heruntergeschnitten, Braunes stört den Gärtner nicht. Im Juni werden sich Knospen emporschieben, Blüten sich öffnen, Domblätter sich wölben, die Bärte funkeln. Er braucht kein ständiges Blühen. Er kann warten. Sein Leben lang hat er Pläne gemacht für Gärten, die prächtig wurden, weil er sich auf wenig konzentriert: Gräser, Bäume, Wasser, eine Kollektion Rittersporn und immer wieder Hecken, heraldisch, klar. Belgien, das hellste Land Europas, nachts, wenn die Autobahnen beleuchtet sind, ist berühmt für Schokoladen und Pommes, für seine Königin und das Atomium, doch kaum als ein Land voll meisterhafter Gartenkunst. Wäre nicht dieser Jacques Wirtz gewesen, der in den 70er-Jahren begann, architektonische Gärten anzulegen, die ihn weltberühmt gemacht haben und über die A&W vielfach berichtet hat (u. a. A&W 1/02). Es sind Schnecken, Mauern, Würfel, Zirkel aus Eibe und Buchs geschnitten, Gräserfelder, Rasenstücke, Wasserspiegel, frei zusammengefügt zu überdimensionalen Reliefs. Artifizielle Gärten, die im Sommer und Winter ihre Haltung bewahren, als gehorchten sie einem geheimen Protokoll. Eine Reise durchs Land zeigt zwei Kulturen: den flandrischen Norden, wo wir Pflanzenjäger- und Puzzlergärten besuchen; und den feudaleren Süden, das französisch geprägte Wallonien, wo sich Schloss an Schloss zu reihen scheint, halbstündig könnte man hier Parkvisite machen. Doch so getrennt das erscheint, Haltung und Fasson ist allen gemeinsam – deutsche Naturgärtnerei gewinnt hier wenig an Boden.

KOEN VAN POUCKE

Sinn für Dramaturgie und ein Pflanzenschatz, den er regelmäßig mit Expeditionen nach Burma,Tibet und dem Kaukasus vergrößert, machen Koen Van Pouckes Gärtnerei zur Fünfsterneadresse für Pflanzenfreunde. Ein Jahr lang hatte er nach dem Studium bei Jacques Wirtz gearbeitet, dann startete er im elterlichen Betrieb mitten in Sint-Niklaas. Von Haselnussbauern hat er sich das Kultivieren ihrer Büsche abgeschaut, pflanzt sie in zwei Reihen, schneidet sie so zurecht, dass nur fünf Stämme übrig bleiben. Die neigen sich dann zu einem Tunnel. Unter den Haseln breiten sich Teppiche aus in allen Grüntönen schimmernder Schattenpflanzen: Hosta, Epimedium, Helleborus, Trillium, Maiapfel. Ein buchsgesäumter Weg teilt sie in der Mitte. „Wie bei Jacques Wirtz“, sagt Koen Van Poucke, kein Mann von falschem Stolz. „I am a copy man.“ Und ein Sammler, von Dahlien, den schönsten, den größten; Ingwerorchideen, den seltensten; Veratrum, dem wunderbaren Plisseeblatt, in allen Arten; Helleborus, Elfenblumen und mehr. Züchterehrgeiz? „Nicht vorhanden.“ Dafür ein Händchen fürs Erlesene, auch für seltene Narzissen. Er hat ihnen ein altes Gewächshaus gewidmet, mit einem fünf Stufen tief in den Boden gebauten Backsteinsockel. Eine Prachtrabatte aus Canna und Riesenzinnien säumt es außen, hohe Hecken umschließen das Ganze. Grüne Kabinette – es gibt noch mehr davon bei ihm –, auf spezielle, aber erfüllbare Wünsche eingeschränkt. Der Besucher geht und wünscht sich: „Genau so will ich gärtnern, und wenn ich das tue, bin ich eins mit der Welt.“

KALMTHOUT

Gärtner sind Networker. Sie reisen gern und besuchen sich gegenseitig, tauschen Saat, Stecklinge und Erfahrungen. Nicht weit von Schoten, auf der anderen Seite von Antwerpen, liegt das Arboretum Kalmthout, jahrzehntelang eine der gastfreundlichsten Adressen für Eingeweihte. Seine Gründerin ist Jelena Kovacic, die 1954 nach ihrem Landwirtschaftsstudium aus Slowenien kam und den botanikbegeisterten Diamantenhändler Robert de Belder heiratete. Das ideale Paar kaufte eine alte Gärtnerei und verwandelte sie über Jahrzehnte in das heute als Kalmthout bekannte Baumschatzhaus. Morgens früh um acht zum Tee in Jelena de Belders Küche, Spaziergänge zur weltberühmten Hamamelissammlung, den Hydrangeen und japanischen Kirschen, viele schwärmen von ähnlichen Besuchen. 2003 ist die große Pflanzenkennerin gestorben. Ihr Gartenchef Abraham Rammeloo hütet seither die Sammlung, verfeinert sie Jahr um Jahr, hat einen Bambusgarten mit Brücke erfunden, denn die Riesengräser mögen es nicht, „wenn man ihnen auf die Füße tritt“, hat duftende Gruppen aus Gehölzen komponiert und einen Teppich aus kurz geschorenem Gras nahtlos um die Bauminseln ausgelegt – ein Gartenarchipel: Sein ganzes Ausmaß erkennt nur, wer den Übersichtsplan zu Hilfe nimmt.

CHRIS GHYSELEN

Eine gute Autostunde von Kalmthout entfernt, oben über Antwerpen und Gent hinweg, hat Chris Ghyselen seinen Garten am Rand der Feldmark von Oedelem (Beernem) angelegt. Busgesellschaften reisen zu ihm, angelockt von glänzenden Fotos in Magazinen und einer vielversprechenden Website. Im Wind schwingende Gräser-Flokatis neben urigen Weiden, eine englische Staudenrabatte hier, ein Schattenpfad dort, umpflanzter Schwimmteich samt Bachlauf, Gewächshaus mit Tomaten, Topiary-Künste, dazu die zweithöchsten Hecken in ganz Belgien: Chris Ghyselen hat alles, was angesagt ist, in einen Garten gepackt, der wie sein sehniger Dompteur auf Zack ist – und kleiner als erwartet. Er erinnert an das Lunchtablett einer Fluggesellschaft, so ineinandergeschachtelt sind die Teile. Chris Ghyselen hat noch eine Spezialität: Er ist Persicaria-Spezialist, eine Pflanze, drahtig wie ihr Meister, knotige Stängel, große Blätter und winzige Knöllchenblüten in langen Rispen, vor allem Naturgartenfans sind hinter ihr her. Ein Foto noch von den Riesenscheibenhecken – die Reise geht weiter.

BELOEIL

Formschnitt steckt den Belgiern so tief im Gärtnergemüt wie Kindern der Geschmack von Schokolade. Vielleicht weil sie ihre Gartengeschichte auf eine der weltschönsten französischen Anlagen zurückführen können: Beloeil, über 250 Jahre alt, nach Regeln aus dem berühmten Traktat des Dezallier d’Argenville ausgeführt und nach wie vor im Besitz der Fürsten von Ligne. Der Zugang ist feudal: ein bei Regenwetter doppelt graues Schloss mit Ehrenhof und Wächterbaselisken, davor ein alter belgischer Marktplatz mit Kirche und granitenen Häusern. Ein unüberwindlich hohes Tor öffnet sich zu festgesetzten Stunden in ein Himmel-Wasser-Bäume-Land mit schnurgeraden Wegen, Spiegelbecken und Kanälen, Buchen, die zum Schachbrettwald aufgepflanzt oder zu grünen Architekturen dressiert sind. Es gibt Kolonnadengänge, in die man hinein- und herausspaziert, Portale, runde Plätze, sogar Spitzgewölbe, die in Turmhöhe aus Zweigen geflochten sind. Fünf Gärtner sind beschäftigt. Es müssten doppelt so viele sein, um die grüne Fassung dieser Wasser- und Himmelwelt blitzen zu lassen. Sie schaffen es nicht, die Heckenwände sind bis in eine Höhe von gut sechs, sieben Metern geschoren, darüber struppeln die Zweige. Kanäle veralgen, der Neptun am Ende des großen Beckens bröckelt – egal, noch ist Beloeil unübertroffen.

VAN BUUREN

Was unterscheidet die in Fasson geschnittenen Anlagen diese Schlosses von denen, die René Pechère in der Mitte des 20. Jahrhundert in ungezählten belgischen Gärten anlegte, die sich in Brüssel auf dem Kunstberg, im Botanischen Garten und beim Museum von David und Alice van Buuren finden? Pechère war der belgische Garten-Star der 50er- und 60er-Jahre und Jacques Wirtz’ großer Konkurrent in dessen Anfangsjahren, ein Liebhaber historischer Gartenstile, die er in etwas Kompaktes, Trutziges transformierte: Eibenhecken, wie aus Quadern errichtet, bilden bei van Buuren eine Festung um den berühmten Jardin du Coeur, kleine Buchshecken, die Herzen bilden und mit Rosen gefüllt sind. Und auch das Labyrinth, das Pechère für Madame van Buuren konstruierte, ist eine solide, fest gefügte Konstruktion mit sieben integrierten Kammern, nicht Irrgarten für neckische Spiele, sondern finsterer Palast des kretischen Minotaurus. Verschwunden das leichte Höfische, der Sinn fürs Ziselierte, Übertriebene.

MARIEMONT

Landschaftsparks nach englischem Vorbild verdrängen seit dem 18. Jahrhundert die kapriziöse französische Gartenkunst. Ein romantisches Weltverständnis rückte an die Stelle manierierter Etikette. Tempelchen, Brücken, Grotten und künstliche Ruinen lieferten den Stoff fürs Naturgefühl. Mancher Park nutzte echte Trümmer, nicht wie heute, wo zerstörte Kirchen Mahnmale sind. Eher verdoppelten Mauerstümpfe vis-à-vis von Baumriesen den historischen Schauer. Mariemont war ein Jagdschloss mit europäischer Geschichte. Maria von Ungarn, Prinzessin von Kastilien, Österreich und Burgund, Königin von Böhmen und Ungarn, Statthalterin der Spanischen Niederlande, hatte es im 16. Jahrhundert gegründet. Über Jahrhunderte gewachsen, wurde das Gebäude knapp zwei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution von Grund auf modernisiert – ein Treffpunkt für feudale Jagdgesellschaften und höfische Feste. Als die Österreicher gegen Frankreich marschierten, brannte Mariemont in der Nacht vom 21. Juni 1794, die Dorfbevölkerung plünderte, zurück blieben Ruinen. Ein Kohle-Baron aus der Nachbarschaft, Nicolas Warocqué, kaufte das Anwesen, baute sich ein neues Schloss, schaffte Gärtner herbei, seltene Bäume und schuf den prächtigen Landschaftspark. Mariemonts Reste wurden Kulisse für Rodins „Bürger von Calais“ – Teil der Warocqué’schen Kunstsammlung.

HEX

„Rosa mutabilis, mein Liebling, wunderbar leger mit Blüten, die sich gelb öffnen, dann zu Rosa, Orange und Karmin wechseln.“ Ghislain d’Ursel, Herr über Hex, zeigt auf einen nackten Fleck krümeliger Erde. Ein Stöckchen steckt darin mit dem Namen seiner Rose, der Frost im letzten Winter hat ihr übel mitgespielt. Ein jährliches Rosenfestival hat Hex weit über die belgischen Grenzen hinaus bekannt gemacht. Über Verbindungen zur Niederländischen Ostindien-Kompanie kamen allererste Exemplare Rosa chinensis multipetala hierher, da lebte der Gründer des Landguts noch. François-Charles de Velbrück (1719 bis 1784) war Fürstbischof von Lüttich, ein aufgeklärter Despot und Landesherr, der wie der Wörlitzer Franz von Anhalt-Dessau für Kunst, Natur und Garten glühte. Hex war fürstbischöfliches Hideaway und gleichfalls einer der frühen englischen Parks auf dem Kontinent – wenn auch zu seinen Lebzeiten noch recht klein. Ghislain d’Ursel zeigt von der Schlosstreppe aus auf einen entfernt gelegenen Hügel, zu de Velbrücks Zeiten nur Aussichtspunkt, heute Teil des Ganzen. Geduldig hat die Familie Generation für Generation den Park ins Land vergrößert, und zäh kämpft Ghislain d’Ursel gegen jedes Windrad, das im Sichtfeld aufgestellt werden soll. So etwas passt nicht in seine Vorstellung vom historischen Erbe, das so vieles umfasst: Pferdemausoleum, Hundefriedhof, auch den grandiosen Küchengarten, biologisch-ökologisch vom eigenen Gärtner geführt, mit einmaligem in den Hang gebauten Gemüsekeller – uralt und ganz modern.



Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 02/2015
Autor: Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry

Freigegeben in Gärten & Parks
Samstag, 14 Februar 2015 23:42

Nepal-Himalya-Garten von Olaf Grabner

Olaf Grabner gehört zu den Pionieren der deutschen Gärtner-Avantgarde: Für einen Unternehmer legt er in Wiesent bei Regensburg den Nepal-Himalaya-Garten an – rund um einen bei der Expo 2000 gekauften Pavillon.

Der größte Buddha wiegt 2,4 Tonnen. Er besteht aus Basalt. Der kleinste ist aus Plastik und wird als einziger häufig geklaut. Neben ihnen gibt es welche aus Bronze, aus Ton, aus weißem Marmor oder Alabaster. Sie sitzen, stehen oder liegen. Wenn sie Schutz brauchen, lässt der Unternehmer Heribert Wirth ihnen in Nepal ein Tempelchen schnitzen, dann müssen sie im Lager warten, bis sie in den Garten kommen. Sind sie wetterfest, sorgt Olaf Grabner für sie, umgibt sie mit Lilien, großblättrigem Zierrhabarber oder feinstrahligen Astern, zum Beispiel Erigeron ,Mrs. E. H. Beale’. Sehr wahrscheinlich, dass an keinem anderen Ort der Welt Buddha-Figuren so liebevoll auf Blüten gebettet sind wie im oberpfälzischen Wiesent.

Sechs Hektar Land, ein alter Steinbruch, sonnige Hanglage, bei Föhn kann man bis zum Großglockner sehen. Der Boden ist steinig, voll gelb verwitterten Granits. Wald grenzt an. Vor gut zehn Jahren hat Heribert Wirth das Land gekauft. Er brauchte es als Platz für den Nepal-Himalaya-Tempel, den er mehr oder weniger zufällig 2001 der Expo in Hannover abgekauft hatte. Zwei Jahre blieb die Fracht – „gute 14 Container“ – im Hafen von Regensburg liegen. Dann reisten 28 Handwerker aus Nepal herbei und bauten anderthalb Jahre lang die miteinander verbundenen Nachbauten eines buddhistischen Stupas und eines hinduistischen Tempels wieder auf.

Drumherum wurde das Brombeergestrüpp eliminiert. Der neu gebackene Tempelherr, der seine Firma für Gebäudetechnik kurz vorher verkauft hatte, nahm selbst den Bagger und schaffte aus dem Forst nebenan Bäume herbei, legte Wege an, plante Teiche, pflanzte Blumen, „machte alle gärtnerischen Fehler, die man machen kann“, und schickte irgendwann in dieser Zeit eine Mail an den Gärtner Olaf Grabner im brandenburgischen Locktow. Darin stand: „Was wollen Sie verdienen?“

Olaf Grabner war kein Zufallsadressat, seine Reputation ist allerdings eher Insidern bekannt. In den Achtzigerjahren gehörte der Potsdamer zu den aktiven Oppositionellen in der DDR, jenen, die die Wende herbeiführten. Er konnte zwar das Abitur machen, war aber ohne Chance auf einen Studienplatz, lernte Landwirtschaftstechnik und arbeitete anschließend gute fünf Jahre, zuletzt als Brigadier, in der Staudengärtnerei Karl Foerster – „das war wie eine schöne, heile Welt, ein Überlebensanker“. Als nach der Wende auch dort erst einmal alles stillstand, ging er zunächst nach Hannover, dann nach Marktheidenfeld zu Hans Simon, dem Experten für artgerechte Pflanzenverwendung. 1996 gründete er schließlich im märkischen Sand von Locktow seine eigene Gärtnerei.

Schnell gehörte er zu dem halben Dutzend Gärtner, die – vor allem im Ausland bekannt – den Ruhm deutscher Gartenkunst wiederbelebten. Ein Forscher und Ausprobierer, kundig wie wenige, dabei sperrig und unangepasst. Inmitten des Geglitzers der großen Gartenmessen präsentierte er auf einem Flickenteppich seine Raritäten, Töpfchen mit wenigblättrigen Setzlingen. Dysosma und Diphylleia, seltene Agapanthus- und Trillium-Arten: Wer Ahnung hatte, fand bei ihm Schätze. Zehn Jahre später musste Olaf Grabner aufgeben, seine Gärtnerei überstand ein bis in den Mai hinein frostiges Frühjahr nicht. Der Ruf aus dem Nepal-Himalaya-Garten war ein Segen.

Auch dort sind nicht die strahlenden Prachtstauden, nicht hochgezüchtete Tag-, sondern Kröten- und Waldlilien seine Favoritinnen; weniger Pfingstrosen, von denen es nichtsdestotrotz eine großartige Anpflanzung gibt, dafür mehr Ingwerorchideen (Roscoea) und Elfenblumen (Epimedium). Er liebt Schattenpflanzen: Einbeeren etwa in ausgesuchten Arten wie Paris fargesii, eine chinesische Wildart – „hinter der war ich lange her“ –, dabei ist sie nur grün; ein dünner Stiel, eine vierblättrige grüne Blüte, auseinandergespreizt wie Propellerflügel mit dünnen Fäden (den äußeren Petalen) dazwischen. Was macht sie besonders? „Ihre Eleganz, ihre Anmut, die seltene Ausgewogenheit, wenn man für das Feine erst mal ein Auge hat ...“ So fangen Kenner an zu schwärmen. Doch nicht für sie allein gestaltet Olaf Grabner zu Füßen der vielgestaltigen Buddhas den schönsten Garten Bayerns, der kein exotischer ist.

Müsste er das sein? Oder andersherum gefragt: Ist ein Stupa mit Goldturm und Gebetswimpeln in den Ausläufern des Bayerischen Waldes nicht sonderbar? Nein, wenn man sich vor Augen hält, dass ein Garten immer ein künstliches Paradies ist. Hermann von Pückler-Muskaus Pyramiden in Branitz, Franz von Anhalt-Dessaus Vesuv in Wörlitz, Maria Theresias römische Ruinen in Schönbrunn, sie sind alle nichts anderes als der Stupa in Wiesent: Follies in einem romantischen Landschaftspark, mal provokativ, mal kitschig oder sentimental, oft sind es Reiseerinnerungen und manchmal sogar Weltentwürfe. So hoch wie die historischen Vorgänger greift Olaf Grabner nicht.

Seine Mission ist der dauerhafte, naturnahe und lebendige Garten, einer, der aussieht, als würde er von allein wachsen: mühelos und großartig, ohne peinlich zu wirken, mit Gewächsen, die sich ausbreiten dürfen und die dem Gelände und seinen Gegebenheiten quasi auf den Leib geschneidert sind. Nahrungshungrige Groß- und Herbststauden wachsen auf dem der Sonne ausgesetzten Hang, „so kann man immer das ganze Beet in einem Arbeitszug düngen“. Seltene feuchtigkeitsliebende Gewächse konzentrieren sich an der einzigen Stelle, an der auch im Sommer Wasser aus dem abschüssigen Gelände drückt. Kollektionen von Schattenpflanzen versammeln sich in absonnigen Partien. Verschiedenste Bodendecker bilden Matten in einem Waldstück, wo ein Hohlweg neben dem anderen den Hang hinaufzieht – „Ochsenkarrenwege, immer wenn einer ausgefahren war, hat man daneben den nächsten eingerichtet“, was wie modernste Landschaftsmodellierung aussieht. Olaf Grabner versteht sich als „Hebamme, als einer, der dem Garten auf die Welt hilft und ihn dann leben lässt“. Gärten machen eh, was sie wollen, „man kann sie nicht nachbauen, sie entwickeln sich wie Kinder“.

So weit die Didaktik, einfach im Ansatz und kostbar in der speziellen Ausführung. Daneben macht Olaf Grabner das, was dem Gesagten direkt widerspricht. Als Pendant zu Stupa und Hindutempel pflegt er eine Kollektion von Himalaya-Pflanzen. Heribert Wirth hatte die Idee, und er sagte sich, „dümmer werde ich dabei nicht“. Er lernte über Frauenschuh- und Tibetorchideen, über alpine Primeln und Enziane, nahm Kontakte auf und verschaffte sich Saat. Vor allem in Tschechien, wo eine Gruppe außerordentlicher Pflanzenliebhaber lebt, Jäger, die in wochenlangen Expeditionen in abgelegenen Teilen von Sikkim, Bhutan oder Nepal Pflanzen sammeln und anschließend die Saat verkaufen.

Nun ist das oberpfälzische Wiesent, klimatechnisch gesehen, das blanke Gegenteil von Nepal und Bhutan. Statt Nebel und Kühle im Sommer herrscht hier wochenlang sengende Hitze. Damit die Arisaema- und Paris-Arten, die Primeln und Enziane gedeihen, hat Olaf Grabner Bäche angelegt, die die Luft kühlen und feuchter machen, hat schattenspendende Gehölze gesetzt und sprengt an heißen Tagen zusätzlich – „gärtnerische Kunst kann viel erreichen“. Das Ergebnis lockt Pflanzenexperten aus aller Welt herbei – daneben auch manche, die sagen: „Wie schön, da brauchten Sie ja nichts zu machen.“

 

Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 02/2014
Autor: Elke von Radziewsky
Fotograf: Regina Recht

Freigegeben in Projekte
Sonntag, 08 Februar 2015 00:00

Ausgezeichneter Steingarten in Schanghai

„Es ist ein ehrliches Projekt. Es versucht nicht, zu verbergen, was es ist“, schreibt die American Society of Landscape Architecture“ über den Quarry Garden (Steinbruch Garten) nicht weit von Schanghai und zeichnet ihn 2012 mit einem „Honorar Award“ aus. Gut 30 Kilometer südwestlich vom Zentrum gönnt sich die 30-Millionen-Metropole eine Auszeit im Grünen. Vor zwei Jahren wurde dort der 200 Hektar große Shanghai Chenshan Botanical Garden eröffnet, gebaut nach Masterplänen der Münchner Landschaftsarchitekten Valentien + Valentien.

Zu seinen 26 Themengärten gehört der von dem Pekinger Büro Thupdi gestaltete, rund 4,3 Hektar große Quarry Garden. Durch die einstige Granitabbauhalde winden sich Treppen zwischen rostigen Stahlwänden, Pfade führen in enge Tunnel, und über der größten Wassergrube schwebt ein filigraner Holzpfad. Er lässt die bis zu 70 Meter hohen Steilwände noch bedrohlicher aussehen. Ein begehbarer Industriethriller mit Happy End: Am Ausgang warten Blumenbeete.

 

Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 01/2013
Fotograf:
Yao Chen

Freigegeben in Projekte

Über L-UMP.net

L-UMP.net wurde zunächst von zwei Studenten als Portal für den Austausch von Studienunterlagen konzipiert und dann später als Online-Magazin für Interessierte und das Fachpublikum weiter entwickelt.

Soziale Netzwerke