Exotische Blüten, Urwaldgiganten, Dattelpalmen: Umspült vom Golfstrom liegt vor Englands Küste das tropische Paradies Tresco Abbey Garden, über Generationen entstanden aus der Beute einer pflanzenversessenen Familie. Den Anfang machte Augustus John Smith, ein Weltverbesserer, der auf Scilly Islands ein privates Reich gründete mit eigenen Regeln und einem Landschaftspark in den Ruinen einer alten Benediktiner-Abtei.

Weiter geht es nicht. Die Inselgruppe der Scilly Isles im Westen Britanniens ist der äußerste Zipfel Englands vor Amerika. Nur fünf der 140 kleinen, vom Golfstrom umspülten Atlantik-Inseln sind bewohnt. Sie sind Teil des Herzogtums Cornwall – mit Ausnahme von Tresco, der zweitgrößten Insel, die sich seit 1830 im Privatbesitz befindet. Tresco, drei Kilometer lang, anderthalb Kilometer breit und 45 Kilometer vom Festland entfernt, ist von allen Scilly-Inseln am besten bekannt durch seinen exotischen Garten, in dem tropische und subtropische Pflanzen aus allen fünf Kontinenten wachsen. Neun Stunden dauert die Anreise von London: Eisenbahn, zweimotoriges Flugzeug, Fischerboot, ein tuckernder Traktor – dann ist man da, in einer Bilderbuch-Idylle mit Sandstränden, Badebuchten und einer üppigen Vegetation, in der blaue und weiße Agapanthus wie Unkraut wachsen.

Es gibt keine Autos. Von den 130 Einwohnern hat es niemand eilig. Haustüren bleiben unverschlossen. „Schlüssel kennen wir hier nicht“, sagt Mike Nelhams, der 1976 als Student der Royal Horticultural Society im Tresco Abbey Garden arbeitete. Sieben Jahre später kehrte er zurück, wurde mit der Zeit Chefgärtner der Anlage und ist heute ihr Kurator. Neu gebaute Feriensiedlungen fallen auf. Vor den Türen stehen Golfcarts. „Auch bei uns“, sagt Mike Nelhams, „ist die Zeit nicht stehen geblieben. Tourismus ist unsere Haupteinnahmequelle. Im Sommer haben wir mehr Gäste als Einheimische.“

Eine blaue Holzbrücke führt in den Garten, direkt zum Long Walk, einer zentralen Achse, die leicht aufwärts und am Ende einer Treppenflucht auf eine Steinfigur zuläuft, die den römischen Gott Neptun darstellt. Sieben Hektar ansteigendes Land sind in unterschiedliche Gartenzonen aufgeteilt. „Am weitesten unten haben wir noch tiefgründigen Boden, auf dem Bäume wachsen können“, sagt Mike Nelhams. „Hier gedeihen unsere Schattenpflanzen aus Neuseeland. Je höher man klettert, desto heißer wird es und dürrer.“ Oben angelangt, ist die Erde nährstoffarm und vom Wind ausgetrocknet. „Perfekt für Pflanzen aus Südafrika und den australischen Wüstenregionen, die an solche Konditionen gewöhnt sind.“

Der Aufstieg in die Welt fremdländischer Blüten und exotischer Bäume beginnt mit Palmen, Pinien und kräftigen Baumfarnen. Bambushaine fächern das Sonnenlicht. Goldfasane spazieren durch Laubengänge – vorbei an australischen Eukalyptus- und Pfefferbäumen, Agaven aus Mexiko, orangefarbenen Natternköpfen von den Kanarischen Inseln und immergrünen Bromeliengewächsen aus Zentralchile. In dem geschützten mittleren Teil des Gartens stehen Ruinen der Benediktiner-Abtei St. Nicholas, die hier im 12. Jahrhundert existierte. Und ganz oben, auf der obersten Terrasse, wachsen die schillerndsten Exoten, orangefarbene Strelitzien, Zuckerbüsche (Protea) mit grünlichen Spitzen und vier Meter hohe Kanarische Riesengänsedisteln mit gelben Blüten.

Der Ausblick auf die Küste und die anderen Inseln ist grandios. Eine Brise kommt auf, und man ahnt, warum die gesamte Gartenanlage mit hohen Hecken aus Steineichen eingefasst ist. „Unser größtes Problem sind die salzigen Atlantikstürme“, sagt Mike Nelhams. „Ohne Windschutz gibt es hier keinen Garten.“ Auf der Insel bestimmt Wind einen großen Teil des Lebens, betont er: „Ganz aussperren wollen wir ihn nicht. Das würde den Pflanzen die Luft abschnüren. Aber wir müssen ihn filtern, sein Tempo bremsen.“ Wenn die neun Gärtner des Tresco Abbey Garden zusammensitzen, drehen sich die Gespräche wenig um die üblichen Themen wie Dünger und den pH-Wert des Bodens. Stattdessen wird über Windstärke neun im Januar diskutiert. Und über die Seebrisen im August, die das Land austrocknen oder den feuchtigkeitsspendenden Seenebel, der sich das ganze Jahr über einfindet. Regen fällt auf der Insel wenig. „Im Winter allerdings kann es durchaus mal eine Woche lang schütten. Dann saugt die Erde das Wasser wie ein Schwamm auf, und whoosh – alles wächst wie verrückt.“ Auch Wetterdramen hat der Garten schon erlebt. „Womit haben wir das verdient?“, fragten sich die Gärtner, als 1987 ein Schneesturm großen Schaden anrichtete. Drei Jahre später, als der Park nach mühseliger Arbeit wieder aufgeforstet war, verwüstete ein Hurrikan ihn zum wiederholten Mal. „Doch in der Regel“, sagt Mike Nelhams, „garantiert der Golfstrom ein mildes Klima mit Temperaturen, die nie über 22 oder unter acht Grad Celsius liegen.“

Narzissen blühen auf Tresco Island schon im November. An jedem Neujahrstag zählen die Gärtner ihre Blumen und kommen Jahr für Jahr auf rund 300 verschiedene Arten. Da ist es kaum noch vorstellbar, dass um 1830 auf der Insel kein einziger Baum gestanden haben soll. Doch die Geschichte des exotisch-bunten Gartens begann erst mit Augustus John Smith, dem ältesten Sohn eines Landedelmanns aus Hertfordshire.
Smith, der sich als Philanthrop und Stifter von Schulen bekannt gemacht hatte, suchte nach weiteren Lebensaufgaben und fand sie auf den Scilly Isles. Er pachtete die ganze Inselgruppe, gab sich selbst den Phantasietitel eines Land Proprietors und startete Wirtschafts-, Arbeits- und Erziehungsprogramme. Beliebt machte ihn das bei der einheimischen Bevölkerung nicht. Denn damals waren viele Fischer und Bauern im Nebenberuf Piraten, Schmuggler und Strandräuber. Augustus John Smith wollte sie bessern, zwang sie zu ehrenwerter Arbeit und dazu, ihre Kinder in die Schule zu schicken – 40 Jahre bevor auf dem Festland die Schulpflicht eingeführt wurde.

Als Herrscher über sein Inselreich baute er sich auf dem von den anderen Inseln vor Stürmen weitgehend geschützten Tresco Island in der Nähe der Klosterruinen ein Haus, nannte es Tresco Abbey und legte einen Garten an. Er tauschte sich mit dem Chefgärtner von Kew Gardens aus, erbat sich von ihm Pflanzen und führte zudem ein ungeschriebenes Gesetz ein: Inselbewohner, die als Kapitäne zur See fuhren, mussten als Teil ihrer Hauspacht Pflanzenableger, Samen und Knollen von Übersee mitbringen – der Grundstock von dem, was heute hier blüht und gedeiht.

Augustus Smith hatte zwar keine legitimen Kinder. Aber ein Neffe übernahm das Inselreich und setzte das Gartenbau- und Pflanzensammelwerk fort, ebenso die nächsten Generationen. Eine Dynastie von Hobbybotanikern schaffte in gut 150 Jahren die 20.000 Pflanzenarten aus aller Welt zusammen, die heute Tresco Abbey berühmt machen. Darunter 70 verschiedene sukkulente Aloen-Arten. „Dass allerdings Aloe vera eine besondere Heilkraft hat, ist eine Marketing-Strategie“, verrät Gärtner Dave Finch, der für Anzucht und Vermehren von Pflanzen des Gartens zuständig ist. „Alle Arten von Aloe haben diese Eigenschaft.“

Noch immer wird die Insel feudal regiert, heute von Robert Dorrien-Smith, der im alten Herrenhaus direkt neben dem Garten wohnt. „Dass hier ein Dorrien-Smith bereits in der fünften Generation lebt, bedeutet für uns Kontinuität und Engagement“, sagt Mike Nelhams. „Natürlich versucht dabei jede Generation, dem Garten ihren eigenen Stempel aufzudrücken.“ So schätzt die derzeitige Familie die Verbindung von Kunst und Natur. Robert Dorrien-Smith plante den blauen Steg am Eingang des Gartens, seine Frau Lucy entwarf das Shell House, einen mit Muscheln dekorierten Pavillon auf der mediterranen Terrasse. Und überall in Tresco Abbey Garden stehen Kunstwerke von David Wynne und anderen zeitgenössischen britischen Bildhauern.

Am Ende des Tages treibt der Wind die Wolken von der See aufs Festland. Der Traktor wartet, und wenig später legt das Boot ab. Fünf Minuten darauf ist man zurück in der big bad city Hugh Town, dem Hauptort von St. Mary’s. Mit rund tausend Einwohnern, Autos und Polizisten wirkt er fast urban. Der kurze Flug mit dem Skybus nach Land’s End und die lange Zugfahrt zurück nach London stimmen melancholisch. Als sei das Verhältnis zur Welt ein anderes geworden. Tresco hat einen Zauber, der die Rückkehr in die Realität erschwert.

 

 

Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/2013
Autor: Josephine Grever
Fotograf:
Howard Sooley

Freigegeben in Gärten & Parks

Ob niederländisches Flandern oder französisches Wallonien: So gespalten Belgien sein mag, in den Gärten ist es eins – deutsche Naturbewegung hat hier kaum an Boden gewonnen. Im Kernland der Europäischen Gemeinschaft geht es um die gute Fasson, klare Achsen, gelenkte Blicke und – die Rundreise zeigt’s – immer neue Hecken.

JACQUES WIRTZ

Der große Garten ist alt und gebeugt wie der Mann, der darin lebt. Greise Obstbäume schleppen schwer an schrundigen Ästen, behüten in die Jahre gekommene Buchsgebilde. Nahe am Haus reflektiert ein rechteckiges Wasserbecken den Himmel. Ein schnurgerader Rahmen mit Iris umgibt es, die Blätter sind sauber heruntergeschnitten, Braunes stört den Gärtner nicht. Im Juni werden sich Knospen emporschieben, Blüten sich öffnen, Domblätter sich wölben, die Bärte funkeln. Er braucht kein ständiges Blühen. Er kann warten. Sein Leben lang hat er Pläne gemacht für Gärten, die prächtig wurden, weil er sich auf wenig konzentriert: Gräser, Bäume, Wasser, eine Kollektion Rittersporn und immer wieder Hecken, heraldisch, klar. Belgien, das hellste Land Europas, nachts, wenn die Autobahnen beleuchtet sind, ist berühmt für Schokoladen und Pommes, für seine Königin und das Atomium, doch kaum als ein Land voll meisterhafter Gartenkunst. Wäre nicht dieser Jacques Wirtz gewesen, der in den 70er-Jahren begann, architektonische Gärten anzulegen, die ihn weltberühmt gemacht haben und über die A&W vielfach berichtet hat (u. a. A&W 1/02). Es sind Schnecken, Mauern, Würfel, Zirkel aus Eibe und Buchs geschnitten, Gräserfelder, Rasenstücke, Wasserspiegel, frei zusammengefügt zu überdimensionalen Reliefs. Artifizielle Gärten, die im Sommer und Winter ihre Haltung bewahren, als gehorchten sie einem geheimen Protokoll. Eine Reise durchs Land zeigt zwei Kulturen: den flandrischen Norden, wo wir Pflanzenjäger- und Puzzlergärten besuchen; und den feudaleren Süden, das französisch geprägte Wallonien, wo sich Schloss an Schloss zu reihen scheint, halbstündig könnte man hier Parkvisite machen. Doch so getrennt das erscheint, Haltung und Fasson ist allen gemeinsam – deutsche Naturgärtnerei gewinnt hier wenig an Boden.

KOEN VAN POUCKE

Sinn für Dramaturgie und ein Pflanzenschatz, den er regelmäßig mit Expeditionen nach Burma,Tibet und dem Kaukasus vergrößert, machen Koen Van Pouckes Gärtnerei zur Fünfsterneadresse für Pflanzenfreunde. Ein Jahr lang hatte er nach dem Studium bei Jacques Wirtz gearbeitet, dann startete er im elterlichen Betrieb mitten in Sint-Niklaas. Von Haselnussbauern hat er sich das Kultivieren ihrer Büsche abgeschaut, pflanzt sie in zwei Reihen, schneidet sie so zurecht, dass nur fünf Stämme übrig bleiben. Die neigen sich dann zu einem Tunnel. Unter den Haseln breiten sich Teppiche aus in allen Grüntönen schimmernder Schattenpflanzen: Hosta, Epimedium, Helleborus, Trillium, Maiapfel. Ein buchsgesäumter Weg teilt sie in der Mitte. „Wie bei Jacques Wirtz“, sagt Koen Van Poucke, kein Mann von falschem Stolz. „I am a copy man.“ Und ein Sammler, von Dahlien, den schönsten, den größten; Ingwerorchideen, den seltensten; Veratrum, dem wunderbaren Plisseeblatt, in allen Arten; Helleborus, Elfenblumen und mehr. Züchterehrgeiz? „Nicht vorhanden.“ Dafür ein Händchen fürs Erlesene, auch für seltene Narzissen. Er hat ihnen ein altes Gewächshaus gewidmet, mit einem fünf Stufen tief in den Boden gebauten Backsteinsockel. Eine Prachtrabatte aus Canna und Riesenzinnien säumt es außen, hohe Hecken umschließen das Ganze. Grüne Kabinette – es gibt noch mehr davon bei ihm –, auf spezielle, aber erfüllbare Wünsche eingeschränkt. Der Besucher geht und wünscht sich: „Genau so will ich gärtnern, und wenn ich das tue, bin ich eins mit der Welt.“

KALMTHOUT

Gärtner sind Networker. Sie reisen gern und besuchen sich gegenseitig, tauschen Saat, Stecklinge und Erfahrungen. Nicht weit von Schoten, auf der anderen Seite von Antwerpen, liegt das Arboretum Kalmthout, jahrzehntelang eine der gastfreundlichsten Adressen für Eingeweihte. Seine Gründerin ist Jelena Kovacic, die 1954 nach ihrem Landwirtschaftsstudium aus Slowenien kam und den botanikbegeisterten Diamantenhändler Robert de Belder heiratete. Das ideale Paar kaufte eine alte Gärtnerei und verwandelte sie über Jahrzehnte in das heute als Kalmthout bekannte Baumschatzhaus. Morgens früh um acht zum Tee in Jelena de Belders Küche, Spaziergänge zur weltberühmten Hamamelissammlung, den Hydrangeen und japanischen Kirschen, viele schwärmen von ähnlichen Besuchen. 2003 ist die große Pflanzenkennerin gestorben. Ihr Gartenchef Abraham Rammeloo hütet seither die Sammlung, verfeinert sie Jahr um Jahr, hat einen Bambusgarten mit Brücke erfunden, denn die Riesengräser mögen es nicht, „wenn man ihnen auf die Füße tritt“, hat duftende Gruppen aus Gehölzen komponiert und einen Teppich aus kurz geschorenem Gras nahtlos um die Bauminseln ausgelegt – ein Gartenarchipel: Sein ganzes Ausmaß erkennt nur, wer den Übersichtsplan zu Hilfe nimmt.

CHRIS GHYSELEN

Eine gute Autostunde von Kalmthout entfernt, oben über Antwerpen und Gent hinweg, hat Chris Ghyselen seinen Garten am Rand der Feldmark von Oedelem (Beernem) angelegt. Busgesellschaften reisen zu ihm, angelockt von glänzenden Fotos in Magazinen und einer vielversprechenden Website. Im Wind schwingende Gräser-Flokatis neben urigen Weiden, eine englische Staudenrabatte hier, ein Schattenpfad dort, umpflanzter Schwimmteich samt Bachlauf, Gewächshaus mit Tomaten, Topiary-Künste, dazu die zweithöchsten Hecken in ganz Belgien: Chris Ghyselen hat alles, was angesagt ist, in einen Garten gepackt, der wie sein sehniger Dompteur auf Zack ist – und kleiner als erwartet. Er erinnert an das Lunchtablett einer Fluggesellschaft, so ineinandergeschachtelt sind die Teile. Chris Ghyselen hat noch eine Spezialität: Er ist Persicaria-Spezialist, eine Pflanze, drahtig wie ihr Meister, knotige Stängel, große Blätter und winzige Knöllchenblüten in langen Rispen, vor allem Naturgartenfans sind hinter ihr her. Ein Foto noch von den Riesenscheibenhecken – die Reise geht weiter.

BELOEIL

Formschnitt steckt den Belgiern so tief im Gärtnergemüt wie Kindern der Geschmack von Schokolade. Vielleicht weil sie ihre Gartengeschichte auf eine der weltschönsten französischen Anlagen zurückführen können: Beloeil, über 250 Jahre alt, nach Regeln aus dem berühmten Traktat des Dezallier d’Argenville ausgeführt und nach wie vor im Besitz der Fürsten von Ligne. Der Zugang ist feudal: ein bei Regenwetter doppelt graues Schloss mit Ehrenhof und Wächterbaselisken, davor ein alter belgischer Marktplatz mit Kirche und granitenen Häusern. Ein unüberwindlich hohes Tor öffnet sich zu festgesetzten Stunden in ein Himmel-Wasser-Bäume-Land mit schnurgeraden Wegen, Spiegelbecken und Kanälen, Buchen, die zum Schachbrettwald aufgepflanzt oder zu grünen Architekturen dressiert sind. Es gibt Kolonnadengänge, in die man hinein- und herausspaziert, Portale, runde Plätze, sogar Spitzgewölbe, die in Turmhöhe aus Zweigen geflochten sind. Fünf Gärtner sind beschäftigt. Es müssten doppelt so viele sein, um die grüne Fassung dieser Wasser- und Himmelwelt blitzen zu lassen. Sie schaffen es nicht, die Heckenwände sind bis in eine Höhe von gut sechs, sieben Metern geschoren, darüber struppeln die Zweige. Kanäle veralgen, der Neptun am Ende des großen Beckens bröckelt – egal, noch ist Beloeil unübertroffen.

VAN BUUREN

Was unterscheidet die in Fasson geschnittenen Anlagen diese Schlosses von denen, die René Pechère in der Mitte des 20. Jahrhundert in ungezählten belgischen Gärten anlegte, die sich in Brüssel auf dem Kunstberg, im Botanischen Garten und beim Museum von David und Alice van Buuren finden? Pechère war der belgische Garten-Star der 50er- und 60er-Jahre und Jacques Wirtz’ großer Konkurrent in dessen Anfangsjahren, ein Liebhaber historischer Gartenstile, die er in etwas Kompaktes, Trutziges transformierte: Eibenhecken, wie aus Quadern errichtet, bilden bei van Buuren eine Festung um den berühmten Jardin du Coeur, kleine Buchshecken, die Herzen bilden und mit Rosen gefüllt sind. Und auch das Labyrinth, das Pechère für Madame van Buuren konstruierte, ist eine solide, fest gefügte Konstruktion mit sieben integrierten Kammern, nicht Irrgarten für neckische Spiele, sondern finsterer Palast des kretischen Minotaurus. Verschwunden das leichte Höfische, der Sinn fürs Ziselierte, Übertriebene.

MARIEMONT

Landschaftsparks nach englischem Vorbild verdrängen seit dem 18. Jahrhundert die kapriziöse französische Gartenkunst. Ein romantisches Weltverständnis rückte an die Stelle manierierter Etikette. Tempelchen, Brücken, Grotten und künstliche Ruinen lieferten den Stoff fürs Naturgefühl. Mancher Park nutzte echte Trümmer, nicht wie heute, wo zerstörte Kirchen Mahnmale sind. Eher verdoppelten Mauerstümpfe vis-à-vis von Baumriesen den historischen Schauer. Mariemont war ein Jagdschloss mit europäischer Geschichte. Maria von Ungarn, Prinzessin von Kastilien, Österreich und Burgund, Königin von Böhmen und Ungarn, Statthalterin der Spanischen Niederlande, hatte es im 16. Jahrhundert gegründet. Über Jahrhunderte gewachsen, wurde das Gebäude knapp zwei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution von Grund auf modernisiert – ein Treffpunkt für feudale Jagdgesellschaften und höfische Feste. Als die Österreicher gegen Frankreich marschierten, brannte Mariemont in der Nacht vom 21. Juni 1794, die Dorfbevölkerung plünderte, zurück blieben Ruinen. Ein Kohle-Baron aus der Nachbarschaft, Nicolas Warocqué, kaufte das Anwesen, baute sich ein neues Schloss, schaffte Gärtner herbei, seltene Bäume und schuf den prächtigen Landschaftspark. Mariemonts Reste wurden Kulisse für Rodins „Bürger von Calais“ – Teil der Warocqué’schen Kunstsammlung.

HEX

„Rosa mutabilis, mein Liebling, wunderbar leger mit Blüten, die sich gelb öffnen, dann zu Rosa, Orange und Karmin wechseln.“ Ghislain d’Ursel, Herr über Hex, zeigt auf einen nackten Fleck krümeliger Erde. Ein Stöckchen steckt darin mit dem Namen seiner Rose, der Frost im letzten Winter hat ihr übel mitgespielt. Ein jährliches Rosenfestival hat Hex weit über die belgischen Grenzen hinaus bekannt gemacht. Über Verbindungen zur Niederländischen Ostindien-Kompanie kamen allererste Exemplare Rosa chinensis multipetala hierher, da lebte der Gründer des Landguts noch. François-Charles de Velbrück (1719 bis 1784) war Fürstbischof von Lüttich, ein aufgeklärter Despot und Landesherr, der wie der Wörlitzer Franz von Anhalt-Dessau für Kunst, Natur und Garten glühte. Hex war fürstbischöfliches Hideaway und gleichfalls einer der frühen englischen Parks auf dem Kontinent – wenn auch zu seinen Lebzeiten noch recht klein. Ghislain d’Ursel zeigt von der Schlosstreppe aus auf einen entfernt gelegenen Hügel, zu de Velbrücks Zeiten nur Aussichtspunkt, heute Teil des Ganzen. Geduldig hat die Familie Generation für Generation den Park ins Land vergrößert, und zäh kämpft Ghislain d’Ursel gegen jedes Windrad, das im Sichtfeld aufgestellt werden soll. So etwas passt nicht in seine Vorstellung vom historischen Erbe, das so vieles umfasst: Pferdemausoleum, Hundefriedhof, auch den grandiosen Küchengarten, biologisch-ökologisch vom eigenen Gärtner geführt, mit einmaligem in den Hang gebauten Gemüsekeller – uralt und ganz modern.



Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 02/2015
Autor: Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry

Freigegeben in Gärten & Parks

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