Dienstag, 26 Mai 2015 19:52

Die deutschen Meister der Stauden

Sie gestalten die Blütenmeere auf den großen Gartenschauen, sind Künstler im Umgang mit Farben und Wuchsformen krautiger Pflanzen und werden im Ausland als Vertreter des New European Style gefeiert. Höchste Zeit, sie im eigenen Land prominent zu machen.

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN PETRA PELZ

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Millionen Bundesbürger kennen ihre Beete schon: Seit 15 Jahren gehört Petra Pelz zu dem Triumvirat an Spezialisten, die für die IGAs und BUGAs große Staudenflächen pflanzen.

 

„Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand.“

Tausend Riesenknöteriche, ein Meer aus Mondviolen – oder der Acker voller Tulpen: das volle Farbspektrum, gefranst, lilienblütig, kleiner, dicker und vor allem dicht gepackt, 80 Zwiebeln pro Quadratmeter. So etwas hatte man noch nicht gesehen. Es war die Mai-Sensation auf der Internationalen Gartenschau in Hamburg und typisch für Petra Pelz. Die ganz große Geste hat sie prominent gemacht.

Petra Pelz stammt aus Magdeburg, lernte zu DDR-Zeiten Landschaftsgärtnerei, studierte in Erfurt, improvisierte in einer Schlosser-, Tischler- und Malerbrigade, plante fürs städtische Grünamt und lernte nicht ganz zufällig 1993 den in Chemnitz geborenen Wolfgang Oehme kennen.

Das änderte alles. Der Wahlamerikaner Oehme (1930 bis 2011), ein Kauz und einer der berühmtesten Landschaftsarchitekten des späten 20. Jahrhunderts, ist bekannt für fußballfeldgroße Pflanzungen aus zwei, drei oder fünf verschiedenen Gewächsen und eine entschiedene Konzentration auf Hirsen, Seggen, Simsen, Schilf – „Ein Garten ohne Gräser ist grässlich“, so sein Motto. Er hing an seiner Heimat, besuchte sie über all die Jahre regelmäßig und wünschte nach der Wende Möglichkeiten, auch hier zu arbeiten. Petra Pelz wurde sein Kontakt, seine Schülerin und Sachwalterin.

Ich hatte immer Angst, Stauden zu verwenden, weil ich das hier bei uns zu komplex und schwierig fand. Dieses Wissenschaftliche, leicht verkrampfte.“ Oehmes Gärten – „erfrischend, naiv“ –wurden ihre Initiation. Natürlich hat auch sie ihre „Lebensbereiche nach Hansen“ gelernt. Doch genauso wichtig findet sie, „etwas auszuprobieren, was wie ein Fehler erscheint, locker an Pflanzenthemen heranzugehen“. Denn nicht alles, was in den Lehrfibeln steht, ist ehernes Gesetz. Euphorbia palustris etwa, die Sumpf-Wolfsmilch, ist zwar eine Sumpfpflanze, kommt aber in allen möglichen Gartenböden zurecht. Oehme hatte sie wegen ihrer schwefeligen April-Blüten in seine Grasdünen gepflanzt. Petra Pelz hat’s von ihm übernommen, so wie andere Kunstgriffe. Sie liebt Perowskien und Schneefelberich in Massen. Auch Bergminze, Pycnanthemum muticum, die Modepflanze der gegenwärtigen Steppen- und Präriegärtner. Oder den Dreierpack Rudbeckia, Calamagrostis und Sedum. Von solchen Kombinationen aus hat sie sich zu Eigenem vorgetastet. Eines ihrer Pflanzrezepte ist, ein Grundgerüst aus stabilen Pflanzen wie Japanischem Waldgras, Miscanthus oder dem „eigentlich langweiligen Sedum telephium“ anzulegen und dahinein punktuell Blühpflanzen zu setzen: Wildastern, Giraffenkosmeen, sogar Rittersporn. In Hamburg probiert sie derzeit allerlei mit Baptisien aus, den Indigolupinen.

Aus einer Zeit, „in der es ökonomisch schwierig war“, hat Petra Pelz eine Dienstleistung bis heute beibehalten. Zu einem Quadratmeterpreis von zirka 35 Euro plant sie nicht nur Pflanzflächen, sondern liefert auch Stauden und pflanzt, allein oder unter Mithilfe des Gartenbesitzers.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKTIN CHRISTINE OREL

gaertnerin christine orel© Regina Recht

Die Spezialistin: Ihr nächstes großes Projekt ist die Landesgartenschau in Deggendorf 2014.

„Ist die Einrichtung skandinavisch, nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken wie Möbelstücke.“

Gefühle haben Regeln, zumindest wenn Christine Orel Stimmungsbilder im Staudenbeet anlegt. Soll es lustig sein, wählt sie Euphorbien, Achilleen und Hemerocallis. Heiter findet sie knubbelige Wuchsformen mit runden Blüten in Orange oder Gelb wie die Chrysantheme ‘Kleiner Bernstein’. Spröde sind reduzierte Farben in kompakten Anordnungen zum Beispiel mit rotblättrigem Breitwegerich und rostfarbenem Rittersporn.

Woher kommen Rang und Ordnung, Wert und Charakter der Gewächse in ihrem Repertoire? „Sie sind in mir gewachsen“, antwortet die Spezialistin mit fast 25 Jahren Berufserfahrung auf Gartenschauen. Ihr Taschengeld verdiente sie in der Staudengärtnerei Schöllkopf, bekannt für Astern und Chrysanthemen. „Da gab es zwar weniger Geld als in Nachtschichten bei Bosch, aber es war meine Leidenschaft.“ Sie hat in Weihenstephan bei München studiert, weltweit berühmt für seinen Zierpflanzen-Sichtungsgarten. Hier forschten die Gartenbauwissenschaftler Richard Hansen und Friedrich Stahl und entwarfen ein dickes Kompendium über die Lebensbereiche (das sind Beet, Gehölzrand, Steinfuge, Mauerkrone und so weiter) krautiger Gesellschaften, das Studenten bis heute das Leben schwer macht. Christine Orel hat es verinnerlicht. „Die Lebensbereiche muss man intus haben, um einen eigenen Stil entwickeln zu können“, sagt sie. Ihr Lehrer war Peter Kiermeier, eine weitere Referenz, wenn es um Pflanzenverwendung geht. Sie alle zusammen – Hansen, Stahl, Kiermeier und vor ihnen der Staudenzüchter Karl Foerster – haben die Grundlage geschaffen für das, was heute im Ausland New European Style genannt wird.

Natürlich reicht ein pflanzensoziologisch aufbereitetes Botanikverzeichnis im Kopf nicht aus, um schöne Beete zu gestalten. Die große Herausforderung, der Stolz der Gärtner, sind die Farben. Noch heute erinnert sich Christine Orel an die erste purpurrote Pflanzung von Kiermeier, kann die Pflanzen mit Namen nennen: Cotinus ‘Royal Purple’, Echinaceen, Sedum ‘Purple Emperor’, Dunkelrote Blasenspiere und Kardinalslobelien. „Das war 1986 eine Sensation.“ In diese Fußstapfen ist sie getreten: „Orange und Rosa hat kein Mensch vor mir gemacht.“

Nicht alle Kunden wollen es so „schrill“. Sie versucht, deren Geschmack herauszukriegen, fragt, ob sie „mal von drinnen nach draußen schauen kann, um auch einen Blick auf das Wohnzimmer werfen zu können“. Ist die Einrichtung skandinavisch klar, „nehme ich Stauden, die kompakt und architektonisch wirken, fast wie Möbelstücke“. Iris sibirica zum Beispiel, „tolle Blüten, Fruchtstände und Herbstfärbung“. Findet sie englische Möbel, vielleicht Antiquitäten, kombiniert sie romantisch. Wer Christine Orels Handschrift kennenlernen möchte: Die Beete vorm Koblenzer Schloss stammen von ihr, auch die Hindenburganlage in Bingen.

 

LANDSCHAFTSARCHITEKT CHRISTIAN MEYER

landschaftsarchitekt christian meyer

© Regina Rech

„Übermannshohe Stauden wollen die Leute nicht im Garten haben. Sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“

Wenn Christian Meyer einen Garten zu planen hat, spaziert er gern im benachbarten Wald. Falls es einen gibt. Er hält Ausschau nach Wildstauden wie Salomonssiegel, Wiesenkerbel, Fingerhut, „solche, von denen sich für Entwürfe Kulturformen beschaffen lassen“. Er nennt diese Methode, „Auszüge von dem natürlichen Bild machen und sie gärtnerisch überhöhen“.Christian Meyer gehört zu den Kindern, die in einem Garten aufgewachsen sind. „Ich war fasziniert von den Blüten der Tränenden Herzen oder des Eisenhuts.“ Später studierte er Landschaftsarchitektur, „ich wusste nichts Besseres“, und arbeitete drei lange Jahre in dem Deutschlands großem Staudenzüchter Karl Foerster gewidmeten Garten in Britz: „Da habe ich gemerkt, was ich mit meinem Studium anfangen will.“ Stauden wurden seine Nische. Um Privatmenschen aufmerksam zu machen, bepflanzt er eine dem Berliner Grünflächenamt abgeluchste Verkehrsinsel am Kurfürstendamm, Ecke Olivaer Platz: Euphorbien, Akeleien, Allium im Frühjahr, im Herbst Gräser, Fetthennen und Astern. Er testet ständig. „Mit den reichen Kunden klappte es zwar nicht, aber ich konnte über mein Projekt schreiben.“ 1999 gelang ihm mit der BUGA Potsdam der Einstieg in die lukrativen Gartenschauen.Karl Foerster ist eine seiner Bezugsgrößen geblieben. Christian Meyer überarbeitete das große Herbstbeet an dessen Wohnhaus in Bornim, „wirklich klasse die Astern und die Farbgräser und vor allem die viel zu wenig genutzten Chrysanthemen“. Und er betreut neben dem Britzer Foerster-Garten den in Berlin-Marzahn. Hat ihn das zum Foersterianer gemacht? „Nein.“ Der von seinen Anhängern verehrte Gärtner „hat immer kleinteilig gearbeitet, hier noch mal was und da noch mal was anderes“. Und in den Farben oft „bunt wie in einer Bonboniere“. Da ist die Zeit heute weiter.Trotzdem, ohne die Veredelungsarbeiten von Karl Foerster ist das, was Staudengärtner heute tun, schwer vorzustellen. Denn zugespitzt gesehen, sind Beete mit den ausdauernd blühenden Gewächsen in der uralten Gartenkunstgeschichte eine Mode, übrig geblieben aus der Arts-and-Crafts-Zeit, als Gertrude Jekyll die Erkenntnisse der Farbenlehre auf Blühendes übertrug. Gute 120 Jahre, länger gibt es die Big Borders nicht. Aber Modeerscheinung? „Das glaube ich nicht“, sagt Christian Meyer. „Stauden haben sich fest etabliert.“ Dass es sie früher im Garten nicht gab, hat vielleicht mit der Angst vor der Natur zu tun. Diese Angst sitzt tief. Es gibt sie noch heute, wenn es um Großstauden geht, übermannshohe Gewächse wie Wasserdost, Becherblume, viele Gräser. „Die Leute wollen sie nicht im Garten haben, sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren.“ Christian Meyer plädiert für ihren Nutzen, liebt zudem das Gefühl, durch einen Staudendschungel zu gehen. „Ich habe einen kleinen Garten, da kann ich mich mit Sträuchern nicht abschotten.“ Die Großen bieten ihm lichten Schutz.


Quelle: 

Architektur & Wohnen, Ausgabe 04/2013

Autor: Elke von Radziewsky

Fotograf: Regina Recht

 

Freigegeben in Aktuelles

Sie schützen seltene Orchideen und lieferten das Vorbild für mittelalterliche Kirchenbauten. Kein Baum ist so mächtig wie die Rotbuche, die nach der letzten Eiszeit den halben Kontinent eroberte. Keiner wirkt mythischer als sie. Fünf alte deutsche Buchenwälder gehören seit Kurzem zum Unesco-Weltnaturerbe.

Hoch aufgerichtet, im langen Mantel, mauvefarben vom Hut bis zu den Stiefeln, reitet die Dame durch den Wald. Ihr Pferd ist ein Isabell, hellbraun mit weißen Hufen. Die Bäume sind mit kundigem Blick gemalt, hochgewachsene Säulen von bekannter Art. Der Boden ist eben und mit weichem bräunlichem Laub bedeckt. Das Ross geht gelehrig in versammeltem Trapp, bis auf einmal für den Betrachter nichts mehr stimmt. Denn als ob die Welt von oben nach unten in Streifen aufgeschlitzt sei, gleiten Ross und Reiterin erst sichtbar, dann unsichtbar durch Schichten der Wirklichkeit. Ein magischer Wald, ein Bild voller Rätsel. René Magritte gab seinem Gemälde den Titel „Carte Blanche“ und auf diese Weise jedem Betrachter die Erlaubnis, zu sehen, was er möchte.

Anders als der Maler, der seine surreale Vision vom Wald auf die Leinwand brachte, erkundete der heute fast vergessene Botaniker Reinhold Tüxen (1899–1980) durch genaue Beobachtung den Lebensraum großer Buchenformationen und ihre besonderen Gesetze. Sie waren seine wissenschaftliche Herausforderung. Er gehörte damit in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu den Gründern des heute bedeutenden Forschungsfelds der Pflanzensoziologie. Tüxen notierte Jahr für Jahr, wie sich das Falllaub durch den Wind auf dem Waldboden verteilt, wie es sich in den Wurzeln sammelt, wie es auf bestimmten Flächen verweht wird und welche Folgen das nach sich zieht. Erst wirken Wind und Laub, dann Wind und Schnee. Erscheinungen wiederholen sich, doch gleich sind sie nie. Warum, fragte Tüxen, zeigen sich in der Schneedecke am Fuß der Stämme diese tiefen schneefreien Ringe? Ist das eine Folge der höheren Bodentemperatur über den Wurzeln oder die Folge einer bestimmten Sonneneinstrahlung am Stamm? Er beobachtete, maß Windgeschwindigkeit und Temperatur und notierte mit seiner eigentümlichen Sprache, „wärmender Wind, um den Baum küsselnd, hat ein tiefes, immer breiter werdendes Loch, manchmal sogar mit Hohlkehlen, ausgekolkt. Die Ähnlichkeit der Schnee- mit der Laubverteilung sind unübersehbar“.

Allein durch Beobachten haben Naturwissenschaftler viele Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erkannt und gedeutet, doch das Verhältnis der Temperatur zwischen Waldboden und sommergrünem Laubdach hat gleichfalls keine Formel gefunden wie das Spiel von Licht und Schatten oder der herbstliche Farbzauber der Buchenwälder. „Ihre Schönheit lässt sich physikalisch-chemisch ebenso wenig klären, wie die peinlichst genaue chemische Analyse der Farben die Wirkung eines Rembrandt-Gemäldes deuten könnte“, so Tüxen.

Nach der letzten Kaltzeit war die Buche auf günstigen Wegen vom Süden her in die mitteleuropäischen Regionen gewandert. Man kann sich das Tempo ausrechnen. Eine Buche braucht, abhängig vom Klima und vom Boden, etwa 50 Jahre, ehe sie blüht. Sie trägt nur alle sechs bis sieben Jahre eine Mast, wie Fachleute den Samenertrag der Waldbäume nennen. Grob gerechnet brauchte sie folglich 15 Generationen bis nach Berlin. Nach Kassel gelangte sie auf einem anderen Weg, tausend Jahre später. Um Christi Geburt wuchsen erste Buchenwälder an der Küste von England. Tiere haben die Verbreitung der Samen, der dreikantigen ölhaltigen Bucheckern, befördert. Geobotaniker meinen, dass es der Mensch war, der, in vor-christlichen Zeiten noch unstet siedelnd, dem Buchenwald ein bequemes Bett bereitet hat. Auf den bearbeiteten, später der Natur wieder überlassenen Böden keimten in schattigen Birken- und Kiefernpionierwäldern die Bucheckern; Sämlinge wuchsen heran, Buchen besiedelten die Ebenen bis hinauf in die Gebirge, von den Mittelmeerinseln bis nach Südschweden.

Die Rede ist von der Rotbuche, die seit der Benennung durch Carl von Linné im Species Plantarum den Wald silva sogar im Namen trägt. Fagus sylvatica, nicht zu verwechseln mit der Hain- oder Weißbuche, wissenschaftlich Carpinus betulus, ein Baum, der zu den Birkengewächsen gehört. Weitere Fagus-Arten wachsen in Amerika, mehr noch in Asien. Aus unserer in Jahrtausenden heimisch gewordenen Rotbuche, ihr Holz hat einen rötlichen Ton, sind durch Züchtung einige prächtige Parkvarianten hervorgegangen. Purpuria, die Blutbuche, pendula, die Trauerbuche, Fagus sylvatica var. purpurea pendula – die Hängende Blutbuche.

Fagus sylvatica sucht sich ihren Platz unter ihresgleichen. Generationen wachsen gemeinsam heran, sie lassen nur jüngere Buchen folgen, sodass sich auf natürliche Weise reine Buchenwälder gebildet haben. Sie dominierten in Europa, waren geheimnisvoller Raum in einer Zeit, als die Natur jenseits der Stadtmauern ein feindliches Umland war. Im Wald leben die Märchengestalten der Brüder Grimm. Der Buchenhain ist ein Ort frommer Sagen, aber auch Stätte, wo es nachts Teufel regnet. Und wo bei Tage gejagt und gesägt wird; die Balken und Stürze der mittelalterlichen Kathedralen, die Dielen und Treppen in den Häusern der Städte sind in Buchenwäldern gewachsen. Eisenbahnzüge fahren auf Buchenschwellen durch Europa. Viele Ortsnamen weisen auf Beziehungen zu den Buchen. Bukowina hieß ein Land, so heißen Flüsse, Berge, Dörfer in den Karpaten, wo sich heute noch die größten europäischen Buchenwälder befinden. Baal-Schems Revier. Die ältesten dieser Urwälder, in der Ukraine und der Slowakei gelegen, wurden von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. 2011 fügte diese Organisation der Vereinten Nationen den Karpatenwäldern fünf deutsche Buchenwaldbestände hinzu: Teile der Nationalparks Kellerwald-Edersee in Hessen, Hainich in Thüringen, Jasmund in Mecklenburg-Vorpommern sowie die ursprünglichsten Buchenwälder im Müritz-Nationalpark. Dazu gehört auch noch der Buchenwald bei Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin des Landes Brandenburg.

Buchenwälder sind Räume, die sich zu jeder Jahreszeit einladend öffnen. Im Frühling hellgrün im Sonnenlicht flirrend, im Sommer Schatten spendend, goldfarben im Herbst, im Winter schließlich in filigranem Schwarz-Grau-Weiß. Je nach der Beschaffenheit des Bodens bildet sich unter Buchen eine spezifische Flora. Auf Kalk- und Lösböden wächst im Frühling eine Krautdecke aus Lerchensporn, Bärlauch, Perlgras, nicht selten auch Orchideen. Auf kalkarmen Silikatböden siedeln Flattergras, Hainsimsen, Farne, Riesenschwingel, bergwärts und auf feuchten Gründen wächst Bärlapp.

Auch auf Silikatgrund erheben sich die Hallenwälder bei Serrahn. „Dies Gewölbe mir ersetzen kann nicht Mailands hoher Dom ... selbst St. Peter nicht zu Rom“, reimte Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz 1850 über seine silbrigen alten Buchen. Er hatte das Gelände einhegen lassen und jede Veränderung und Nutzung durch die Holzindustrie ausgeschlossen. Der Wald sollte alleiniges Revier der Buche bleiben. Jede einzelne Buche steht heute als altes und einmaliges Individuum, vielleicht als ein V- oder U-Zwiesel, mit doppeltem Stamm, geprägt durch eine tiefe Rinne, wo das Regenwasser aus dem Kronendach zu der Wurzel herabfließt.

Die Rinde ist in den Jahrhunderten eine Heimstatt für unzählige niedere Pflanzen und Tiere geworden. Rotrandiger Baumschwamm und Echter Zunderschwamm haben sich angesiedelt. Sie werden auf dem Stamm weiterleben, wenn die Buche einmal fällt und endlich den Platz frei macht für die jungen Buchen ringsherum. Die Wege im Weltnaturerbe sind verwachsen. Der Buchenwald hinter dem alten Forsthaus Serrahn lebt in absoluter Abgeschiedenheit. Um seine Schutzzone zieht sich ein Gürtel aus später gepflanzten Kiefern, Ahorn und Eichenarten. Auch dieses Gebiet steht seit 50 Jahren unter Schutz. Auf dem Pfad von Zinow nach Serrahn kann man beobachten, wie die Rotbuche in dem Mischwald beständig an Raum gewinnt. Sie ist bestens ausgestattet, kann Jahrzehnte umgeben von Kiefern im Schatten stehen. Wenn sie dann durch Ausfall einer Kiefer Platz bekommt, wächst sie schnell heran. Verbleibende Kiefern halten sich noch zwischen den dicken Ästen der Buchenkronen. Es sieht aus wie eine Umarmung, aber das täuscht. Die Buchen sind mit dem Wind verbündet. Ihre Äste scheuern, sie verletzen den Kiefernstamm, begrenzen seine Existenz, während sie gedeihen. Man hat herausgefunden, dass ihre Wurzeln einen Stoff abgeben, der heranwachsende Buchen unterstützt, anderem Jungwuchs jedoch schadet.

Das Bedürfnis, die Buchenwälder zu schützen, erscheint wie ein Nachtrag zu der Zeit, in der Menschen bei ihrer Verbreitung halfen. Dafür spenden die Wälder Bauholz, Nahrung und zuletzt auch Erholung. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mag so in den letzten 5000 Jahren entstanden sein.

 

Quelle: 
Architektur & Wohnen, Ausgabe 05/2014
Autor: 
Helga Schütz
Freigegeben in Gärten & Parks

Exotische Blüten, Urwaldgiganten, Dattelpalmen: Umspült vom Golfstrom liegt vor Englands Küste das tropische Paradies Tresco Abbey Garden, über Generationen entstanden aus der Beute einer pflanzenversessenen Familie. Den Anfang machte Augustus John Smith, ein Weltverbesserer, der auf Scilly Islands ein privates Reich gründete mit eigenen Regeln und einem Landschaftspark in den Ruinen einer alten Benediktiner-Abtei.

Weiter geht es nicht. Die Inselgruppe der Scilly Isles im Westen Britanniens ist der äußerste Zipfel Englands vor Amerika. Nur fünf der 140 kleinen, vom Golfstrom umspülten Atlantik-Inseln sind bewohnt. Sie sind Teil des Herzogtums Cornwall – mit Ausnahme von Tresco, der zweitgrößten Insel, die sich seit 1830 im Privatbesitz befindet. Tresco, drei Kilometer lang, anderthalb Kilometer breit und 45 Kilometer vom Festland entfernt, ist von allen Scilly-Inseln am besten bekannt durch seinen exotischen Garten, in dem tropische und subtropische Pflanzen aus allen fünf Kontinenten wachsen. Neun Stunden dauert die Anreise von London: Eisenbahn, zweimotoriges Flugzeug, Fischerboot, ein tuckernder Traktor – dann ist man da, in einer Bilderbuch-Idylle mit Sandstränden, Badebuchten und einer üppigen Vegetation, in der blaue und weiße Agapanthus wie Unkraut wachsen.

Es gibt keine Autos. Von den 130 Einwohnern hat es niemand eilig. Haustüren bleiben unverschlossen. „Schlüssel kennen wir hier nicht“, sagt Mike Nelhams, der 1976 als Student der Royal Horticultural Society im Tresco Abbey Garden arbeitete. Sieben Jahre später kehrte er zurück, wurde mit der Zeit Chefgärtner der Anlage und ist heute ihr Kurator. Neu gebaute Feriensiedlungen fallen auf. Vor den Türen stehen Golfcarts. „Auch bei uns“, sagt Mike Nelhams, „ist die Zeit nicht stehen geblieben. Tourismus ist unsere Haupteinnahmequelle. Im Sommer haben wir mehr Gäste als Einheimische.“

Eine blaue Holzbrücke führt in den Garten, direkt zum Long Walk, einer zentralen Achse, die leicht aufwärts und am Ende einer Treppenflucht auf eine Steinfigur zuläuft, die den römischen Gott Neptun darstellt. Sieben Hektar ansteigendes Land sind in unterschiedliche Gartenzonen aufgeteilt. „Am weitesten unten haben wir noch tiefgründigen Boden, auf dem Bäume wachsen können“, sagt Mike Nelhams. „Hier gedeihen unsere Schattenpflanzen aus Neuseeland. Je höher man klettert, desto heißer wird es und dürrer.“ Oben angelangt, ist die Erde nährstoffarm und vom Wind ausgetrocknet. „Perfekt für Pflanzen aus Südafrika und den australischen Wüstenregionen, die an solche Konditionen gewöhnt sind.“

Der Aufstieg in die Welt fremdländischer Blüten und exotischer Bäume beginnt mit Palmen, Pinien und kräftigen Baumfarnen. Bambushaine fächern das Sonnenlicht. Goldfasane spazieren durch Laubengänge – vorbei an australischen Eukalyptus- und Pfefferbäumen, Agaven aus Mexiko, orangefarbenen Natternköpfen von den Kanarischen Inseln und immergrünen Bromeliengewächsen aus Zentralchile. In dem geschützten mittleren Teil des Gartens stehen Ruinen der Benediktiner-Abtei St. Nicholas, die hier im 12. Jahrhundert existierte. Und ganz oben, auf der obersten Terrasse, wachsen die schillerndsten Exoten, orangefarbene Strelitzien, Zuckerbüsche (Protea) mit grünlichen Spitzen und vier Meter hohe Kanarische Riesengänsedisteln mit gelben Blüten.

Der Ausblick auf die Küste und die anderen Inseln ist grandios. Eine Brise kommt auf, und man ahnt, warum die gesamte Gartenanlage mit hohen Hecken aus Steineichen eingefasst ist. „Unser größtes Problem sind die salzigen Atlantikstürme“, sagt Mike Nelhams. „Ohne Windschutz gibt es hier keinen Garten.“ Auf der Insel bestimmt Wind einen großen Teil des Lebens, betont er: „Ganz aussperren wollen wir ihn nicht. Das würde den Pflanzen die Luft abschnüren. Aber wir müssen ihn filtern, sein Tempo bremsen.“ Wenn die neun Gärtner des Tresco Abbey Garden zusammensitzen, drehen sich die Gespräche wenig um die üblichen Themen wie Dünger und den pH-Wert des Bodens. Stattdessen wird über Windstärke neun im Januar diskutiert. Und über die Seebrisen im August, die das Land austrocknen oder den feuchtigkeitsspendenden Seenebel, der sich das ganze Jahr über einfindet. Regen fällt auf der Insel wenig. „Im Winter allerdings kann es durchaus mal eine Woche lang schütten. Dann saugt die Erde das Wasser wie ein Schwamm auf, und whoosh – alles wächst wie verrückt.“ Auch Wetterdramen hat der Garten schon erlebt. „Womit haben wir das verdient?“, fragten sich die Gärtner, als 1987 ein Schneesturm großen Schaden anrichtete. Drei Jahre später, als der Park nach mühseliger Arbeit wieder aufgeforstet war, verwüstete ein Hurrikan ihn zum wiederholten Mal. „Doch in der Regel“, sagt Mike Nelhams, „garantiert der Golfstrom ein mildes Klima mit Temperaturen, die nie über 22 oder unter acht Grad Celsius liegen.“

Narzissen blühen auf Tresco Island schon im November. An jedem Neujahrstag zählen die Gärtner ihre Blumen und kommen Jahr für Jahr auf rund 300 verschiedene Arten. Da ist es kaum noch vorstellbar, dass um 1830 auf der Insel kein einziger Baum gestanden haben soll. Doch die Geschichte des exotisch-bunten Gartens begann erst mit Augustus John Smith, dem ältesten Sohn eines Landedelmanns aus Hertfordshire.
Smith, der sich als Philanthrop und Stifter von Schulen bekannt gemacht hatte, suchte nach weiteren Lebensaufgaben und fand sie auf den Scilly Isles. Er pachtete die ganze Inselgruppe, gab sich selbst den Phantasietitel eines Land Proprietors und startete Wirtschafts-, Arbeits- und Erziehungsprogramme. Beliebt machte ihn das bei der einheimischen Bevölkerung nicht. Denn damals waren viele Fischer und Bauern im Nebenberuf Piraten, Schmuggler und Strandräuber. Augustus John Smith wollte sie bessern, zwang sie zu ehrenwerter Arbeit und dazu, ihre Kinder in die Schule zu schicken – 40 Jahre bevor auf dem Festland die Schulpflicht eingeführt wurde.

Als Herrscher über sein Inselreich baute er sich auf dem von den anderen Inseln vor Stürmen weitgehend geschützten Tresco Island in der Nähe der Klosterruinen ein Haus, nannte es Tresco Abbey und legte einen Garten an. Er tauschte sich mit dem Chefgärtner von Kew Gardens aus, erbat sich von ihm Pflanzen und führte zudem ein ungeschriebenes Gesetz ein: Inselbewohner, die als Kapitäne zur See fuhren, mussten als Teil ihrer Hauspacht Pflanzenableger, Samen und Knollen von Übersee mitbringen – der Grundstock von dem, was heute hier blüht und gedeiht.

Augustus Smith hatte zwar keine legitimen Kinder. Aber ein Neffe übernahm das Inselreich und setzte das Gartenbau- und Pflanzensammelwerk fort, ebenso die nächsten Generationen. Eine Dynastie von Hobbybotanikern schaffte in gut 150 Jahren die 20.000 Pflanzenarten aus aller Welt zusammen, die heute Tresco Abbey berühmt machen. Darunter 70 verschiedene sukkulente Aloen-Arten. „Dass allerdings Aloe vera eine besondere Heilkraft hat, ist eine Marketing-Strategie“, verrät Gärtner Dave Finch, der für Anzucht und Vermehren von Pflanzen des Gartens zuständig ist. „Alle Arten von Aloe haben diese Eigenschaft.“

Noch immer wird die Insel feudal regiert, heute von Robert Dorrien-Smith, der im alten Herrenhaus direkt neben dem Garten wohnt. „Dass hier ein Dorrien-Smith bereits in der fünften Generation lebt, bedeutet für uns Kontinuität und Engagement“, sagt Mike Nelhams. „Natürlich versucht dabei jede Generation, dem Garten ihren eigenen Stempel aufzudrücken.“ So schätzt die derzeitige Familie die Verbindung von Kunst und Natur. Robert Dorrien-Smith plante den blauen Steg am Eingang des Gartens, seine Frau Lucy entwarf das Shell House, einen mit Muscheln dekorierten Pavillon auf der mediterranen Terrasse. Und überall in Tresco Abbey Garden stehen Kunstwerke von David Wynne und anderen zeitgenössischen britischen Bildhauern.

Am Ende des Tages treibt der Wind die Wolken von der See aufs Festland. Der Traktor wartet, und wenig später legt das Boot ab. Fünf Minuten darauf ist man zurück in der big bad city Hugh Town, dem Hauptort von St. Mary’s. Mit rund tausend Einwohnern, Autos und Polizisten wirkt er fast urban. Der kurze Flug mit dem Skybus nach Land’s End und die lange Zugfahrt zurück nach London stimmen melancholisch. Als sei das Verhältnis zur Welt ein anderes geworden. Tresco hat einen Zauber, der die Rückkehr in die Realität erschwert.

 

 

Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/2013
Autor: Josephine Grever
Fotograf:
Howard Sooley

Freigegeben in Gärten & Parks

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